Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Marcel ist jetzt ,,der Große“

Sport / 06.03.2016 • 21:39 Uhr

Schon lange hat kein Mann mehr den Beinamen „der Große“ bekommen. Wenn ich mich nicht irre, war das der alte Fritz (Friedrich II, der Große). Doch dieser war eher kriegerisch und musisch veranlagt und nicht so sportlich wie Marcel.

Die heurige Saison stand anfangs für Marcel Hirscher unter keinem wirklich guten Stern. Da war für ihn ein enormer Erwartungsdruck, stand doch der fünfte Gesamtweltcup auf dem Spiel. Das spürte ich daran, dass ich selber ständig deswegen kontaktiert wurde. Die fünfte Kugel in Serie, mit zusätzlich noch härterer Konkurrenz als in früheren Jahren, das ist schon etwas Besonderes. Aber Hirscher ist eben Hirscher. Er greift in kniffligen Situationen in die Trickkiste und straft die Zweifler Lügen.

In einem völlig überraschenden Moment gewinnt Marcel einen Super-G. Es erinnert mich an seinen Kampf von 2012. Da lag Marcel auch fast hoffnungslos hinter Beat Feuz zurück und wird völlig unerwartet Dritter im Super-G in Schladming und entscheidet dadurch den ersten Weltcup für sich.

Und heuer bringt er sogar einen Aksel Lund Svindal in Verlegenheit, der in der Form seines Lebens ist. Doch dieser übernimmt sich in Kitzbühel und scheidet vorzeitig aus dem Kampf der Titanen aus. Kronprinz Henrik Kristofferson kann Hirscher zwar kurzfristig reizen, aber nicht stürzen. Der Norweger ist noch nicht beständig genug, um Marcel über vier Monate lang wirklich zu fordern. Auch ein Alexis Pinturault blüht am Ende der Saison zur Höchstform auf, aber halt eben am Ende der Saison. Auf alle Fälle hätten beide das Potenzial, an Hirscher heranzukommen, doch momentan hält Marcel das Zepter in fester Hand.

Was ist seine Stärke, was macht seine Unantastbarkeit in den letzten fünf Jahren aus? Der Skirennsport ist so komplex, dass es schwer ist, hier eine einfache Antwort zu finden. Sicherlich ist Marcel einer der körperlich besttrainierten Athleten, die ich je gesehen habe. Allein seine Aufwärmübungen am Start wären für etliche andere Athleten ein vollständiges Trockentraining. Sein Fokus auf das Wesentliche ist intensiver als bei anderen Athleten.

Marcel begrüßte mich einige Tage vor dem Weltcupstart in Sölden in seinem Hotel sehr herzlich, als wir uns dort zufällig trafen. Sechs Wochen später in Alta Badia erkannte er mich gar nicht mehr. Als ich ihn dort anspreche, geht er an mir vorbei, als wäre ich Luft.

Nicht jeder Champion hat dieselben Methoden. Ein Ingemar Stenmark war noch distanzierter als ein Hirscher. Aber ein Alberto Tomba brauchte den Trubel und fühlte sich vernachlässigt, wenn er nicht in der Menge baden konnte. Ein Hermann Maier war ein Unikat, das sich wahrscheinlich nicht mehr wiederholen wird, unbeschreiblich.

Wenn es ein System für Erfolg geben würde, wäre der Skirennsport sicherlich nicht die ideale Sportart, das herauszufinden. Aber eines ist sicher, Marcel hat den richtigen Weg für sich und seine Fähigkeiten gefunden, den Erfolg in unglaubliche Höhen zu schrauben.

Herzliche Gratulation, Marcel, zu Deiner Karriere und zu Deiner Persönlichkeit.

Marcel ist einer der besttrainierten Athleten, die ich je gesehen habe. Sein Fokus auf das Wesentliche ist intensiver als bei anderen Athleten.

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