Die erste Zeugin von Ostern

Helga Kohler-Spiegel zeichnet das Porträt der Maria Magdalena
Bregenz Bregenz. Dem Tod folgt die Auferstehung. Das feiern Christen zu Ostern. Es ist kaum fassbar: Das Grab ist leer. Der Gekreuzigte lebt. Das wissen wir, weil eine Frau als erste davon erzählt hat. Mit Maria von Magdala tritt eine der stärksten Frauen der Bibel ins Rampenlicht. Helga Kohler-Spiegel zeichnet ihr Porträt.
Die Frau aus Magdala
Die Bibel erzählt, dass Maria Magdalena aus Magdala stammte, einem Ort am Westufer des Sees Gennesaret in Galiläa. Sie war Jüdin, Anhängerin Jesu und wohl seine engste Weggefährtin.
„Das Neue Testament beschreibt sie als Nachfolgerin Jesu, der Evangelist Lukas nennt sie mit anderen Frauen zusammen (Lk 8,1–3)“, präzisiert Helga Kohler-Spiegel. Maria wurde von Jesus geheilt. Seitdem folgte sie ihm. Eine größere Treue mag sich niemand vorstellen: „Maria bleibt während des Leidens Jesu an seiner Seite“, schildert Kohler-Spiegel die schicksalhaften Stunden, „auch bei der Kreuzigung.“ Maria hilft, den Leichnam Jesus ins Grab zu legen. „Und ihr zeigt sich der Auferstandene als Erste.“ Sie verkündet die Osterbotschaft als erste.
Die Jünger hören ihr ungläubig zu. Kann es sein? Ist diese Maria tatsächlich die Erstzeugin des größten „Geheimnisses des Glaubens“? Heute wird sie „Apostolin der Apostel“ und „erste Botin des Evangeliums“ genannt. Eine späte Rehabilitierung, findet Kohler-Spiegel, Denn in den ersten Generationen nach Jesus wurde sie zurückgedrängt – zugunsten einer „männlichen Kirche“, repräsentiert durch Petrus.
Maria Magdalena ist eine starke Frau, doch sie wird kleingemacht. „Seit dem sechsten Jahrhundert wurde sie in der Tradition mit der sogenannten Sünderin in Lukasevangelium, mit Maria von Bethanien und mit der Ehebrecherin, von denen Johannes erzählt, verknüpft. Das ist eine uralte Form, Frauen abzuwerten, indem ihnen unmoralisches Verhalten zugeschrieben wird“, sagt Helga Kohler-Spiegel. „Diese Zuschreibungen entsprechen freilich nicht dem Neuen Testament.“
Die erste Begegnung
Dem Johannesevangelium zufolge erlebt Maria Magdalena die erste Begegnung mit dem Auferstandenen – eine Szene, die bis heute berührt (Joh 20,11–18): Maria sieht zwei Engel im Grab. Sie fragen, warum sie weine. Danach tritt Jesus selbst auf. Doch Maria erkennt ihn nicht. Sie hält ihn für den Gärtner. Erst als Jesus sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf. Sie antwortet: „Rabbuni! “ („mein Rabbi“). Überliefert ist Jesu Antwort: „Noli me tangere! “ – „Rühr mich nicht an! “, „Halte mich nicht fest! “ oder „Halte mich nicht auf! “
Festhalten oder aufhalten – das ist unmöglich. Maria muss loslassen, wie Trauernde so oft, damit eine neue, innere Beziehung zur verstorbenen Person wachsen kann. „Es ist herausfordernd, nicht stehenzubleiben und nicht zu erstarren, sondern weiterzugehen – in der Zuversicht, dass Begegnung und Berührung mit dem verstorbenen Menschen auf ganz andere Art möglich sein werden“, so Helga Kohler-Spiegel.
„Magdalenensekunde“
Zentral ist der eine, berührende Moment zwischen Jesus und Maria, der kurze Wortwechsel: „Maria!“ und „Rabbuni!“. Diesen Augenblick, der alles verändert, diesen Moment des Erkennens und der Begegnung hat der Schriftsteller Patrick Roth die „Magdalenensekunde“ genannt.
„Wer jemals ein Liebstes verloren hat, wer je erlebt hat, wie verzweifelt und einsam der Verlust machen kann, wer je begriffen hat, dass der Verlust endgültig ist, kann ahnen, was Maria erlebt“, betont Helga Kohler-Spiegel. Und dann diese „Magdalenensekunde“: die Zuversicht, dass Erkennen, Begegnen und Berühren weiterhin möglich sein können. Deshalb bündelt Helga Kohler-Spiegel ihre österlichen Wünsche in einen Satz: „Das Geschenk der Magdalenensekunde wünsche ich Ihnen!“

Momente der Begegnung
Biblische Texte machen laut Helga Kohler-Spiegel Erfahrungen sichtbar, die im Hier und Heute erfahrbar bleiben wollen:
„In Kindertagen und in der Schule wurde unser Name oft genannt, um uns zur Ordnung zu rufen, um anzuweisen, was wir tun müssen oder tun sollten. Manchmal wurde unser Name vielleicht auch in Koseform genannt, liebevoll, tröstend, und erfreut, dass es uns gibt. Die weinende Maria hört ihren Namen in einem so schmerzhaften Abschied. Beim Namen gerufen, mit dem Namen angesprochen zu sein, das kann stärkend und heilend sein. Und es kann zu einer Begegnung werden, die verändert. Dies kann in schönen und in schweren Situationen geschehen, in Veränderungen, die wir selbst gewählt haben oder die uns das Leben zumutet – den eigenen Namen hören.
Als Psychotherapeutin kenne ich das: Das eine Wort, das die Seele gesund machen kann. Wunderbar, wenn mir jemand begegnet in einem besonderen Moment, wenn ich meinen Namen höre in schwerer Krankheit, in einem Schicksalsschlag, in einer Enttäuschung, aber auch in Momenten von Glück und Dankbarkeit. Und wunderbar, wenn es uns gelingt zu antworten, ebenso intensiv, ebenso berührt.“
Auferstehung
Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
(Marie Luise Kaschnitz)