Kommentar: Auferstehung ohne Stimme
Karsamstag. Früher ein Tag mit klarer Dramaturgie: Grabesruhe, Erwartung, der große religiöse Atem vor der Auferstehung. Heute? Politisch ein Leerraum. Und gerade deshalb unerquicklich schwer zu füllen. Wer denkt da noch reflexhaft an Kirche? Der Gedanke kommt spät, fast widerwillig. Stattdessen: eine halblustige, halberbärmliche Debatte rund um den Song Contest. Die Frage, ob man aus touristischen Gründen am Sonntag die Geschäfte öffnen sollte. Österreich im Kleinformat: ein Land, das sich an seiner eigenen Widersprüchlichkeit festklammert.
Die ÖVP mittendrin, zerrissen zwischen zwei Loyalitäten, die sich gegenseitig ausschließen: Ich oder ich. Wirtschaft gegen Kirche. Die Händler würden gern aufsperren, die Tradition mahnt zur Sonntagsruhe. Ergebnis: ein politisches Herumlavieren, das weniger von Prinzipien als von Angst vor der falschen Entscheidung erzählt. Man könnte es auch einfacher sagen: ein Land, das sich nicht entscheiden will, weil es sich nicht entscheiden kann.
Und während hierzulande die Frage nach Ladenöffnungszeiten zur existenziellen Debatte aufgeblasen wird, verschiebt sich die Welt tektonisch. Trump, Putin, Iran – Machtzentren, die mit einer Wucht auftreten, die jede Sonntagsruhe wie ein museales Relikt erscheinen lässt. Und mittendrin: die Kirche. Oder besser: ihre Abwesenheit.
Der Vatikan vermeldet, dass die katholische Kirche noch immer über eine Milliarde Mitglieder zählt. Eine Zahl von fast unvorstellbarer Größe. Und doch: kein Echo. Kein politisches Gewicht, das sich bemerkbar macht. Hier und da eine Wortmeldung des Papstes, ein Appell zum Frieden, eine Mahnung zur Menschlichkeit. Es klingt richtig, es klingt gut – und verhallt.
Dabei war die Kirche einst ein Machtfaktor, der Staaten formte, Kriege beeinflusste, Herrscher krönte und stürzte. Heute wirkt sie wie eine moralische Randnotiz in einer Welt, die sich längst anderen Göttern verschrieben hat: Macht, Einfluss, nationale Interessen.
Ein amerikanischer Präsident – man erinnert sich vage – soll einmal gesagt haben, die mächtigsten Menschen der Welt seien er selbst, der chinesische Präsident, Bono und der Papst. Eine kuriose Aufzählung, die heute fast nostalgisch wirkt. Bono mag noch auftreten, der Papst spricht – aber die eigentliche Macht hat sich verschoben.
In Russland ist die orthodoxe Kirche längst wieder Teil des Machtapparats geworden. Sie segnet den Krieg, statt ihn zu hinterfragen. In den USA steht ein großer Teil der religiösen Landschaft fest hinter Trump. Der sogenannte Bible Belt liefert ihm nicht nur Stimmen, sondern moralische Rückendeckung. Glaube als politischer Treibstoff – aber keiner, der Frieden oder Ausgleich fördert.
Und dann der Iran: ein Gottesstaat, der zeigt, wie eng Religion und Macht verwoben sein können, wenn sie sich wechselseitig legitimieren. Auch hier kein Korrektiv, kein moralischer Gegenpol, sondern Teil des Systems.
Das eigentlich Verstörende daran ist nicht die politische Instrumentalisierung von Religion. Die gab es immer. Verstörend ist, wie wenig Widerstand entsteht. Wie still es bleibt. Eine Welt, in der sich die Mehrheit der Menschen als gläubig bezeichnet, müsste doch anders klingen. Lauter, widersprüchlicher, moralisch insistierend.
Stattdessen: Schweigen. Oder Zustimmung.
Karsamstag also. Ein Tag, der einst für die große Erwartung stand. Heute bleibt er ein Zwischenraum, in dem sich zeigt, was fehlt. Vielleicht ist das die eigentliche Leerstelle unserer Zeit: nicht der Glaube selbst, sondern seine Abwesenheit als gestaltende Kraft. Das schreibe ich als Agnostiker.
Die Auferstehung, sie kommt noch. Aber ihre Stimme ist leiser geworden. Und laut instrumentalisiert an den falschen Orten.
Christian Rainer ist Journalist und Medienmanager. Er war 25 Jahre lang Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil.
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