„Ich habe immer gewusst, ich kann’s“

05.04.2017 • 19:42 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Beim Skitesten durften sich die VN-Leser Werner Raffl (links) und Thomas Ender auf den Rat von Weltmeisterin Nicole Schmidhofer verlassen.
Beim Skitesten durften sich die VN-Leser Werner Raffl (links) und Thomas Ender auf den Rat von Weltmeisterin Nicole Schmidhofer verlassen.

Seit ihrem Triumph in St. Moritz hat für Nicole Schmidhofer ein anderes Leben begonnen.

St. Gallenkirch. Sie war die vielleicht überraschendste Weltmeisterin von St. Moritz – die 28-jährige Steirerin Nicole Schmidhofer. Im ausführlichen VN-Interview erzählt sie unter anderem, warum es für sie ausgerechnet bei der WM geklappt hat und was sie mental so stark macht.

Sie reden so erfrischend steirisch – und das schnell. Versteht man Sie immer?

Schmidhofer (lacht): Ich kann schon auch Hochdeutsch reden. Manchmal probier es ich ganz schön, aber dann ist es nicht mehr authentisch. Ich spreche mittlerweile trotzdem ein bisschen schöner als noch vor der WM.

Jetzt werden Sie ja auch mehr reden müssen, als Weltmeisterin. Was hat sich seit Ihrer Goldfahrt im Super-G alles geändert?

Schmidhofer: Es wurde danach doch sehr anstrengend für mich. Dass du zu Hause erkannt wirst, ist klar. Aber dass du dann halt überall erkannt wirst, das war schon ungewohnt. Leute rennen dir nach, jeder redet dich an.

Ist wohl nicht immer angenehm, oder?

Schmidhofer: Nein, nicht einmal zu Hause in unserer Skihütte. Da konnte ich oft nicht mehr in Ruhe einen Kaffee trinken. Wobei: Ich verstehe natürlich die Leute. Es ist total nett, und ich mache auch gerne Fotos. Aber wenn man seinen gerösteten Knödel nicht mehr in Ruhe essen kann, wird’s doch ein bisschen zu viel. Da verstehe die Leute auch nicht, wenn sie jegliche Rücksicht vermissen lassen.

Aber Sie sind halt Ski-Weltmeisterin.

Schmidhofer: Darum überwiegen ja auch die positiven Erlebnisse bei Weitem. Weil du so viel Anerkennung für deine Leistung bekommst. Man gewöhnt sich dann irgendwann auch an den Rummel. Es war halt nur am Anfang ein bisschen zu viel für mich.

Die Karriere verlief wie eine Achterbahn. Da gab es auch viele Talfahrten und Verletzungen. Gab es keinen Gedanken ans Aufgeben?

Schmidhofer: Nein, das habe ich nie. Ich fahre gern Ski, ich fahre gerne Rennen. Und so lange es die Möglichkeit für diese Aktivitäten gibt, so lange stellt sich die Frage des Aufhörens nicht. Ich hab‘ das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Und dass ich recht gut kann, was ich machen darf.

Sie haben am Tag X, bei der WM, ihre beste Leistung ausgepackt. Wie haben Sie das geschafft?

Schmidhofer: Mit einer Medaille habe ich schon gerechnet. Ich bin auch angereist mit dem Wissen: Ich kann’s. Ich habe schon einmal davon geträumt, ich kann diesen Winter gewinnen. Ich glaubte, es passiert in Cortina. Aber da ist der Schuss nach hinten losgegangen. Und dann habe ich mir gedacht: Jetzt weiß ich zumindest, wie’s nicht geht.

Was war bei der WM dann so anders?

Schmidhofer: Ich habe mir dort einfach vorgenommen, im Rennen so zu fahren wie im Training. Wir haben schon beim Training eine Besichtigung gemacht wie beim Rennen. Wir sind das Training auch so gefahren wie ein Rennen. Und das hat mir sehr viel gebracht. Gemeinsam mit dem Trainer besichtigst du die Strecke gewöhnlich nur vor dem Rennen. Und da hat es dann auch eine besondere Harmonie und eine Übereinstimmung mit dem Trainer gegeben. Dadurch war die Strecke beim Rennen für mich von oben bis unten fest im Kopf. Dass dann alles so aufgeht, ist natürlich großartig.

Sie sind ein Gastwirtekind. Wird man dadurch selbstständiger?

Schmidhofer: Ich denke ja. Dieser Umstand hat mich in puncto Selbstständigkeit geprägt. Als Kind konnten meine Eltern selten zu den Rennen kommen. Bei anderen Kindern waren oft beide Elternteile mit dabei. Ich habe aber einen tollen Vereinstrainer gehabt, der sich um mich kümmerte. Selbstständig wurde ich trotzdem. Ich habe meine Ski selber getragen, sie abputzt und auf meine Sachen aufgepasst. Da sieht man heute schon oft anderes. Dabei sollten Kinder sich selber um gewisse Dinge kümmern.

Sie sind jetzt 28, kein Teenageralter mehr. Wie lange wollen Sie noch fahren? Was wollen Sie noch erreichen?

Schmidhofer: Bis 2021 will ich noch fahren. Dann ist die WM in Cortina. Da hat es für mich ja einmal gut begonnen; mit dem ersten Stockerlplatz – als Nicht-Kaderläuferin. Sportlich möchte ich kommende Saison dort anschließen, wo ich jetzt aufgehört habe. Zuletzt waren es Platzierungen zwischen vier und acht. Es wäre schön, wenn es nächste Saison Plätze zwischen eins und fünf würden.

Haben Sie Vorbilder?

Schmidhofer: Nein. Ich habe keine Vorbilder. Ich bin ich. Ich mache mir über andere Leute nicht so Gedanken. Aber es hat Momente gegeben, wo mich meine Zimmerkollegin Andrea Fischbacher mitgezogen hat. Von ihr habe ich sehr viel gelernt.

Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Schmidhofer: Ich bin ehrlich, direkt, zielstrebig, ehrgeizig. Aber auch sensibel, ungeduldig und manchmal aufbrausend.

Was mögen Sie nicht?

Schmidhofer: Wenn wildfremde Leute glauben, sie müssen mich umarmen. Das vertrage ich nicht. Ich akzeptiere es in der Situation, aber ich will einen gewissen Sicherheitsabstand.

Was mögen Sie?

Schmidhofer: Ich sitze gerne in einer lustigen Runde zusammen und spiele Musik im Musikverein. Dort bin ich am Schlagzeug.

Jetzt haben Sie endlich Urlaub. Was werden Sie machen?

Schmidhofer: Ich gehe Tauchen in Ägypten. Unter Wasser kann mich dort niemand anreden.

Nicole Schmidhofer will auch in der kommenden Saison wieder voll angreifen.  Fotos: VN/Hofmeister
Nicole Schmidhofer will auch in der kommenden Saison wieder voll angreifen. Fotos: VN/Hofmeister

Zur Person

Nicole Schmidhofer

gewann bei der Ski-WM in St. Moritz Gold im Super-G

Geboren: 15. März 1989

Wohnort: Schönberg/Lachtal (St)

Größe/Gewicht: 1,57 m/58,5 kg

Familienstand: ledig

Ski/Schuhe/Bindung: Fischer

Verein: Union SC Schönberg-Lachtal

Hobbys: Schlagzeug, Football, Klettern, Lesen

Homepage: www.nici-schmidhofer.at