Eine Saison mit neuen Vorzeichen
Rechtzeitig zum Weltcupstart in Sölden gibt es eine Neuerung in Sachen Material. Die Skiradien bei den Herren wurden von 35 Meter auf 30 Meter verstärkt. Das heißt, die Kurven werden wieder enger gefahren. Der Internationale Skiverband (FIS) hat sich nach den vielen körperlichen Beschwerden von Athleten seit 2012 dazu entschieden und hofft auf positive Effekte. Was war damals eigentlich der Grund, weshalb man den Ski-Radius überhaupt von 27 Meter auf 35 Meter abgeschwächt hatte?
Viele Athleten beschwerten sich damals, dass der Druck in den Kurven so extrem hoch sei und dass sie deshalb in den Knien große Probleme bekommen hätten. Das führte auch zu vielen Verletzungen. Mit der Änderung auf 35 Meter versprach man sich damals eine Besserung, was für die Knie auch wirklich zutraf. Leider musste man aber feststellen, dass sich die Probleme von den Knien in den Rücken verlagerten. Viele Top-Athleten, wie z.B. Carlo Janka, konnten nie mehr das hohe Niveau von vorher erreichen und waren ständig wegen ihrer Rückenbeschwerden in Behandlung.
Nachdem nun wieder in verschiedenen Testzentren die Ursachen für diese Entwicklung untersucht wurden, hat sich die FIS auf einen Radius von 30 Metern festgelegt. Für diese Erkenntnis hätte man nicht unbedingt das Geld für ein paar Wissenschaftler zum Fenster rausschmeißen müssen, denn das Ei des Columbus wird es auch dieses Mal nicht werden. Gründe dafür gibt es genug. Schon vor fünf Jahren, als man mit den 35 Metern Radius anfing, haben die Mannschaftstrainer einfach die Kurssetzung dementsprechend angepasst, sodass der erhoffte Effekt der Druckverminderung in den Kurven verwässert wurde. Dasselbe wird wahrscheinlich auch dieses Mal passieren.
Aus dieser Misere des übermenschlichen Druckes auf den Körper der Athleten gibt es meiner Meinung nach kein Entkommen. Rein physikalisch erhöht sich der Druck bei gleichbleibender Geschwindigkeit, wenn der Kurvenradius verkleinert wird. Und er erhöht sich gleichermaßen, wenn bei gleichem Kurvenradius die Geschwindigkeit erhöht wird. Das weiß man schon seit Galilei. Somit steht fest, dass es wahrscheinlich keine materialtechnische Lösung gibt, sondern vielleicht nur eine menschliche. Es bleibt den Athleten wohl nichts anderes übrig, als den Körper dort zu stählen, wo die Beschwerden meistens auftreten.
Vielleicht sieht man deshalb Marcel Hirscher seit Jahren vor dem Start seine Rumpfübungen machen. Zumindest hatte er bisher, wenn man von der Knöchelverletzung vom August absieht, recht wenige körperliche Beschwerden.
„Es bleibt den Athleten wohl nichts anderes übrig, als den Körper dort zu stählen, wo die Beschwerden meistens auftreten.“
Marc Girardelli
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Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.
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