Tadeusz „Teddy“ Pawlowski: Zwei Herzen in einer Brust

Sport / 09.09.2019 • 11:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Tadeusz Pawlowski (l.) zusammen mit VN-Redakteur Christian Adam im Pressekonferenzraum des Trainingszentrums. VN/ADAM

Ein Besuch bei Tadeusz „Teddy“ Pawlowski (65) in Breslau offenbart so manche Überraschung.

Breslau Die Niederlage der Polen in Slowenien hat doch einigermaßen Spuren hinterlassen, plötzlich verspürt man ebenfalls Druck vor dem Österreich-Spiel. Zumal das ÖFB-Team mit einem Sieg sogar die Tabellenführung übernehmen könnte. Einer, der den Fußball in beiden Ländern gut kennt, sowohl an der Spitze als auch im Nachwuchs, ist Tadeusz Pawlowski. Dass er im Vorfeld zwei ausgeglichene Mannschaften sieht, ist auch den zwei Herzen in seiner Brust geschuldet. Als österreichischer Staatsbürger, dessen Wurzeln in Breslau liegen, will er sich bewusst nicht festlegen. Natürlich ist ihm das mangelhafte Abwehrverhalten der Polen ebenso nicht verborgen geblieben, ebenso wie der Kantersieg der ÖFB-Elf gegen Lettland. „In Polen haben wir zu wenig Tempo im Spiel“, ist er überzeugt. Zugleich darf dies durchaus als Tipp für die rot-weiß-rote Auswahl gelten.

Im Trainingszentrum beim Stadion Oporowska

Auf Spurensuche in Bresalu

Seit nunmehr fünfeinhalb Jahren arbeitet „Teddy“, wie er von seinen Freunden genannt wird, wieder in seiner Heimatstadt. „Hier öffnen sich mir die Türen“, erzählt der 65-Jährige, als er sich am Tag vor dem Spiel für die VN auf eine Zeitreise begeht. Arroganz schwingt in seinen Worten nicht mit, vielmehr ist es seine sehr menschliche Art. Die Leute in Breslau lieben den Fußballfachmann und Menschen Pawlowski. Das merkt man bei einem Spaziergang durch die schöne Altstadt von Europas Kulturhauptstadt von 2016 ebenso, wenn er erkannt und begrüßt wird, oder auch an seiner Arbeitsstätte, im Trainingszentrum von Slask Breslau, das sich beim Stadion Oporowska befindet. „Hier haben bis 2011 die Spiele stattgefunden. Hier habe ich auch mein erstes Tor geschossen, nach drei Minuten.“ Die Erinnerung zaubert dem Fußballlehrer ein Lächeln ins Gesicht. Immerhin sind seither 45 Jahre ins Land gezogen. Dabei, so erzählt Pawlowski, habe er sein Debüt in der höchsten Spielklasse gar nicht in Breslau gefeiert. Nach seiner Jugendzeit in einem kleinen Stadtklub hatte es den talentierten Mittelfeldspieler nach Wałbrzych verschlagen, einer polnischen Spitzenmannschaft in den frühen 70er-Jahren.
Der Weg ins Trainingszentrum, wo er aktuell als Sportdirektor der Akademie ein Büro hat, führt über die Straße Kruzca, wo einst die Wohnung seiner Eltern war. Nicht viel mehr als ein Steinwurf ist es bis zum Stadion Oporowska, wo in den Stufen der Treppe ins Trainingszentrum die sportlichen Erfolge des Klubs eingemeiselt sind. Der erste Meistertitel 1977 mit Pawlowski, der Pokaltriumph und vieles mehr. Noch heute ist er Rekord-Europacupspieler und Rekord-Europacuptorschütze des Klubs. „Hier haben wir gespielt“, sagt er nicht ganz ohne Stolz, als er von der Terrasse vor seinem Büro auf das in die Jahre gekommene Stadionoval blickt, um in etwas gedämpfter Stimmlage hinterherzuschicken: „Es war eine andere Zeit.“ Das zeigte sich auch bei seinem Auslandstransfer als Spieler. „Wir hatten damals keinen Pass zuhause“, erzählt der ehemalige polnische Nationalspieler. Deshalb scheiterte u. a. ein möglicher Transfer nach Frankreich. Zudem durften Fußballer erst mit 30 Jahren ins Ausland wechseln. Der Weg führte ihn so nach Österreich, wo er über die Admira zu SW Bregenz kam. Inzwischen ist er in Vorarlberg heimisch geworden, auch wenn sich seine Arbeitsstelle gut 870 Kilometer entfernt ist.

Zusammen mit Tadeusz Pawlowski im Pressekonferenzraum des EM-Stadions Miejski in Breslau.
Zusammen mit Tadeusz Pawlowski im Olympiastadion in Breslau.
Auch drei Zellen sind in den Katakomben des EM-Stadions Miejski in Breslau zu finden.

Große Pläne für die Zukunft

Als Trainer hat Pawlowski seinen Stammklub schon dreimal vor dem Abstieg bewahrt – und sogar in die Europa League geführt. Sein jetztiger Job als Akademiechef vereint sowohl Vergangenheit als auch Zukunft. Diese liegt im EM-Stadion Miejski, einer hochmodernen Arena, wo zuletzt auch der Ex-Altacher Benedikt Zech mit Pogon Stettin zu Gast war. „Er spielt gut“, erzählt Pawlowski. Kein Wunder, dass er ihn selbst einmal nach Breslau holen wollte. Rund um die Arena soll die neue Slask-Akademie entstehen. Als modernes Fußball-Kompetenzzentrum, zumal die Stützpunkte derzeit über die gesamte Stadt verteilt sind. So auch im Olympiastadion, wo dieses Wochenende die Speedwayfahrer die Szenerie beherrschen. „Im Europacup gegen Liverpool, Napoli oder Royal Antwerpen waren hier bis zu 50.000 Zuschauer bei den Spielen.“ Seine Fußballleidenschaft ist in den Worten allgegenwärtig. Deshalb lebt er sie, täglich, ohne große Gedanken an die Zukunft, denn im Fußball kann alles schnell gehen. „Bei einem Angebot . . .“, schmunzelt er – und verabschiedet sich. Trotz Länderspielpause ruft die Arbeit. Pawlowski ist als Klubvertreter beim Pferderennen zu Gast, um die Preise zu übergeben.