Deshalb ist die europäische Mentalität ein Erfolgsfaktor

Sport / 02.01.2020 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bis Juni läuft die Meisterschaft in Tunesien, bis Juni hat Lassaad Chabbi einen Vertrag. Neue Gespräche laufen bereits.
Bis Juni läuft die Meisterschaft in Tunesien, bis Juni hat Lassaad Chabbi einen Vertrag. Neue Gespräche laufen bereits.

Fußballtrainer Lassaad Chabbi geht mit US Monastir ungeschlagen ins neue Jahr.

Monastir, Schwarzach „In knapp zwei Stunden bin ich zuhause“, sagt Lassaad Chabbi und meint damit das „Ländle“. Denn Vorarlberg ist für den Fußballtrainer Lassaad Chabbi der Lebensmittelpunkt geworden und Feldkirch seine zweite Heimat. Deshalb genießt der gebürtige Tunesier derzeit eine zweiwöchige Fußballpause im Kreise der Familie und Freunden.

Fußballmärchen

Knapp zwei Flugstunden südlich, in Tunesien, sorgt der 58-Jährige derzeit für die „Fußballmärchen“. In einem Land, wo der Job eines Trainers praktisch jede Woche wackelt, mischt Chabbi mit Underdog US Monastir die Liga auf. Ungeschlagen liegt man auf Platz eins, noch vor den Großklubs Esperance (Meister), Sfaxien (Cupsieger), Stade Tunisien oder Club Africain. Bei Letzerem hatte der junge Chabbi einst selbst das Fußballspielen erlernt. Der „Klub des Volkes“, so erzählt er, habe im Herbst jedoch anderwertig für Schlagzeilen gesorgt. Auf zehn Millionen Euro waren die Schulden (nicht bezahlte Spielergehälter) angewachsen, der Verein stand vor dem Ruin und die FIFA verhängte eine Sechspunktestrafe. Was dann folgte, war eine wohl einzigartige Spendenaktion. „Dieser Klub hat so viele Anhänger, in Tunesien aber auch in Europa“, sagt Chabbi. „Überall haben sie gespendet und am Ende haben die Fans die Schulden in Höhe von zehn Millionen beglichen.“

„Der Fußball in Tunesien genießt im arabischen Raum ein hohes Ansehen.“

Lassaad Chabbi, Trainer US Monastir


Fußball, so Chabbi, habe in seiner Heimat einen unheimlich hohen Stellenwert. Kein Wunder, ist man hinter Senegal in der Weltrangliste doch die Nummer zwei in Afrika. Und vor allem die reichen arabischen Emirate werfen immer wieder ein Auge auf die Vorgänge in der tunesischen Liga. So etwa ist Monastirs Stürmer, Anthony Okpotu (25) ein gefragter Mann. Mit sieben Treffern ist der Nigerianer beste Torschütze in Chabbis Team. In einer Mannschaft, in der der europäisch denkende Fußballlehrer den Spielern deren zuweilen große Ballverliebtheit ein wenig ausgetrieben und ihnen dafür den Pressing-Gedanken implantiert hat. Pünklichkeit sei ein weiterer Erfolgsfaktor, ist er überzeugt – und erzählt: „In Tunesien wird Pünktlichkeit allgemein nicht so ernst genommen wie in Europa. In dieser Hinsicht bin ich penibel, egal ob Spieler oder Cotrainer. Wenn ich sage, um 13 Uhr ist Abfahrt, dann ist es so. Deshalb sind wir einmal ohne Torwarttrainer abgefahren und er musste selbst mit dem Taxi nachfahren.“ Insgesamt, so Chabbi, sei aber auch er lockerer geworden. „Vielleicht war ich früher zu verbissen“, hat auch er die Lehren aus seinen Trainerstationen und den damit verbundenen Erfahrungen gezogen.


Bei Monastir jedenfalls, einem Klub, der erst seit drei Jahren wieder erstklassig ist und in den letzten zehn Jahren für kurze Zeit sogar in der dritten Liga spielte, kommen sie gut zurecht mit der europäischen Mentalität des Österreichers mit tunesischen Wurzeln. Denn Chabbi spricht ihre Sprache, kennt ihre Mentalität und er kennt den Fußball. Als Tabellenführer genießt er nun auch die gestiegene Popularität seiner Person. Als Interviewpartner ist er bei den Journalisten sehr gefragt. Zumal auch Tunesiens Sportminister Tarak Dhiab (65) zu seinen besten Freunden zählt. Der ehemalige Gewinner des „Goldenen Balls“ (1978), die Auszeichnung für den besten Fußballer Afrikas, ist im Nachbarhaus der Familie Chabbi aufgewachsen.