„Die Entwicklung macht mich stolz“

Der Niederländer blickt auf eine ereignisreiche Saison mit seiner Mannschaft zurück.
Altach Die Spielzeit 2019/20 wird in Österreichs Fußballgeschichte als eine ganz besondere eingehen. Die Corona-Pandemie drückte der Bundesliga ihren Stempel auf. Auch Altachs Cheftrainer Alex Pastoor blickt auf eine Saison zurück, in der sich nicht nur außerhalb des Platzes, sondern enorm viel innerhalb seiner Mannschaft getan hat. Sehr zum Wohlwollen des 53-Jährigen.
Herr Pastoor, die Halbfinalniederlage gegen Austria Wien ist nun drei Tage her. Tut es noch weh?
Pastoor Ja natürlich. Vor allem weil ich mir die vollen 90 Minuten nochmal ganz genau angesehen habe. Wir waren einfach besser als die Austria. Aber am Ende muss auch ich Realist bleiben und sagen: Ein Spiel entscheiden die Tore. Und die haben wir an diesem Tag nicht gemacht.
Abgesehen von der Niederlage, war dieses Spiel das beste unter Ihrer Regie?
Pastoor Definitiv. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir so große Dominanz und Kontrolle in einem Match hatten. Das war absolut nach meinem Geschmack.
Beschreiben Sie, wie es dazu kommt, dass man als Altach zur großen Wiener Austria fährt und so dominant auftritt?
Pastoor Das Losungswort dafür ist wohl Entwicklung. Jeder Einzelne im Team hat sich enorm gesteigert und entwickelt im Laufe der letzten Saison. Sei es körperlich oder im mentalen Bereich. Es ist richtig toll, mit dieser Mannschaft zusammenzuarbeiten.
Dabei verlief der Herbst 2019 nicht gerade erfolgreich ab.
Pastoor Eigentlich sind wir fußballerisch richtig gut in die Saison gestartet, haben tolle Spiele gezeigt. Aber viele Leute vergessen, dass wir plötzlich mit Kapitän Philipp Netzer, Marco Meilinger und Ousmane Diakité drei ganz wichtige Akteure für unser Spiel verletzungsbedingt verloren haben. Das hat uns alle schwer getroffen. Solche Spieler kannst du nicht ersetzen, schon gar nicht, wenn alle drei zugleich wegfallen.
Wie haben Sie und Ihre Mannschaft dann dennoch den Weg aus der
Misere heraus gefunden?
Pastoor Es war ein Findungsprozess, der gedauert hat. Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir leider nicht in der Lage waren, zumindest zu null zu spielen. Wir haben Spiele gegen Mattersburg, Admira oder Hartberg verloren, ohne dabei wirklich schlechter gewesen zu sein. Trotzdem habe ich gespürt, dass sich das Team weiterentwickelt, trotz schlechter Ergebnisse. Weil die Burschen alle einen tollen Charakter haben.
Sinnbildlich für diesen Aufschwung sind wohl Spieler wie Johannes Tartarotti oder eben im Frühjahr Daniel Nussbaumer.
Pastoor Die beiden sind gute Beispiele für die Entwicklung. Sie haben sich über Leistung in jedem Training präsentiert. Und es so weit gebracht, dass sie zu wichtigen Spielern in unserem System wurden. Aber am Ende hat es jeder Spieler selbst in der Hand. Ich als Trainer versuche nur ihnen das perfekte Umfeld bereitzustellen, in dem sie sich entfalten können.
Und dabei auch Fehler machen dürfen?
Pastoor Absolut. Jeder darf bei mir Fehler machen. Sie müssen sogar Fehler machen. Denn nur so weiß ich, dass sie mutig agieren. Danach müssen sie eben auch aus diesen Fehlern lernen. So läuft Entwicklung ab.
Wo haben Ihre Spieler den markantesten Fortschritt gemacht?
Pastoor In der Coronapause war ich überwältigt von der Arbeitsmoral. Jeder war voll fokussiert auf seine Aufgaben als Fußballprofi. Dazu übernehmen die Spieler viel mehr Verantwortung, als sie es früher getan haben. Bei heiklen Situationen am Spielfeld kommt jetzt nicht mehr der fragende Blick zu mir, nein, die Jungs am Platz treffen Entscheidungen. Und das gefällt mir richtig. Das war auch das Ziel von uns als gesamtes Trainerteam. Lange Zeit glaubten meine Spieler nicht, wie gut sie spielen können. Das schaut jetzt anders aus. Dadurch entsteht Selbstvertrauen. Aber die Burschen wissen ganz genau, dass überall noch viel Luft nach oben ist.
Was steckt in Zukunft noch in der Mannschaft?
Pastoor Viel. Und das wollen wir auch zeigen. Wenn wir wieder ins Training starten (3. August), nehme ich das letzte Spiel gegen Austria Wien als Ausgangspunkt für unsere Leistungen. Auf diesem Level wollen wir aufbauen. Ich habe noch einen Vertrag für zwei Jahre, fühle mich ungemein wohl – und will das große Potenzial in der Mannschaft unbedingt ausschöpfen.
Dann sollte eigentlich nichts schiefgehen mit dem Erreichen der Meistergruppe.
Pastoor Über Ziele reden wir erst, wenn der endgültige Kader fixiert ist. Dazu wissen wir schon, wo wir uns noch verbessern müssen.
Wohl beim Thema Tore schießen.
Pastoor Der Toptorjäger hat uns heuer gefehlt, das stimmt. Was wir suchen, ist ein spielender Stürmer. Der sich in unser Spiel einbindet und dann eben auch selbst knipst. Die sind aber nicht leicht zu finden.
Dann ist es wohl doppelt bitter, dass Sidney Sam den Klub verlässt?
Pastoor Sidneys Abgang ist natürlich ein herber Verlust. Er hat seine Aufgabe als Führungsspieler hervorragend erledigt. Seine Kreativität und sein Flair zu ersetzen, wird schwer. Aber wir werden unser Bestes geben.