Marc Girardelli

Kommentar

Marc Girardelli

Damen-Gambit

Sport / 09.02.2022 • 22:06 Uhr

Als ich gestern Nacht zum Damenslalom aufgestanden bin, habe ich mir ehrlich gesagt nicht allzu viel erwartet. Die üblichen Verdächtigen werden wohl wieder abräumen und vielleicht fallen dabei einige Krümel an jemand Glücklichen aus der zweiten Reihe ab. Es sollte sich anders entwickeln.

Mikaela Shiffrins Ausfall kam völlig unerwartet. Erstmals in ihrer unglaublichen Karriere zeigte sie Nerven. Es macht sie dadurch nicht zur Versagerin, sondern eher menschlicher. Auch die anderen Top-Fahrerinnen hatten große Probleme mit den geänderten Verhältnissen. Petra Vhlova und Katharina Liensberger schienen ob des großen Rückstandes schon fast geschlagen.

Die Favoritin attackierte im zweiten Durchgang mit maximalem Risiko. Auch ratternde Skier bremsten sie in ihrer Vollgas-Fahrt nicht. Klare Bestzeit, aber nicht überragend weit vorne. Dann kam unsere Kathi und legte in ihrer unnachahmlichen Art los. So elegant hatten wir sie heuer noch nie gesehen. Sie erinnerte an ihren zweiten Durchgang von Cortina. Im Zielhang konnte sie sogar etwas Zeit auf Vhlova gutmachen. es fehlten vielleicht zwei Tore, um sie noch von der Spitze zu verdrängen.

Jetzt begann das große Zittern. Nicht nur für jene im Ziel, sondern auch für die besten des ersten Durchganges. Alle scheiterten klar an Vlhova und Kathi. Einzig Wendy Holdener attackierte mit ihrem kraftvollen Stil bis ins Ziel und blieb nur knapp hinter den beiden. Dann kam Sara Hector als Drittschnellste und fuhr wie in einer eigenen Liga. Die Sache schien gelaufen – bis zum Einfädler. Wirklich eine großartige Fahrt, doch abgerechnet wird immer im Ziel. Sie kann sich mit Gold im Riesenslalom trösten.

Und dann Michelle Gisin. So gut sie oben begann, so unsicher wurde sie mit jedem weiteren Tor. Man konnte ihre Angst vor einem Ausfall richtig spüren. So verspielte sie ihren gesamten Vorsprung und noch viel mehr. Auch die Halbzeitführende Lena Dürr begann souverän. Bei der Zwischenzeit leuchtete es noch tiefgrün. Dann begann auch sie Tempo rauszunehmen, länger auf der Kante zu stehen – und verspielte damit den sicheren Sieg leichtfertig. Gewinnen ohne Risiko, das geht im Skisport eben nicht. Letztlich waren jene vorn, die nach dem ersten Lauf ein schlechtes Blatt in den Händen hielten und sich im zweiten Lauf ein Herz fassten.

„Letztlich waren jene vorn, die nach dem ersten Lauf ein schlechtes Blatt in den Händen hielten und sich im zweiten Lauf ein Herz fassten.“

Marc Girardelli

sport@vn.at

Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.