Verschworene Truppe ist nicht mehr Schlusslicht

Sport / 10.04.2022 • 21:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Verschworene Truppe ist nicht mehr Schlusslicht
APA

Mit einem 3:0-Auswärtssieg bei der WSG Tirol reichte der SCR Altach die rote Laterne an Hartberg weiter. Ein neues Selbstverständnis hält bei den Rheindörflern Einzug.

Innsbruck Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Würde die Bundesliga-Saison jetzt abgepfiffen werden, wäre Altach nicht mehr Letzter, weil die Abrundung nach der Punkteteilung die Vorarlberger vor den punktgleichen Hartbergern sieht. Dabei hatte Altach nach zehn Liga-Niederlagen in Serie und seit dem 20.11.2021 (0:1-Niederlage bei Rapid) die Rote Laterne als Schlusslicht monatelang gepachtet. Ehe jetzt der Erfolgslauf in der Quali-Gruppe mit acht Punkten (zwei Siege, zwei Remis) begann.

„Am Beginn meiner Amtszeit haben wir auch sieben Gegentore aus Standards erhalten, jetzt hat sich die Sache gedreht. Wir wissen, wenn wir den Ball bei der Eckfahne auflegen, dass wir eine Torchance haben.“

Ludovic Magnin, Trainer SCR Altach

Sieben Tore in vier Partien

Altach spielt nicht „schön“, trifft aber wieder. Im Grunddurchgang waren es über 22 Runden gerade einmal zehn Volltreffer, in den letzten vier Partien waren es alleine sieben. Weil die Vorarlberger die Kunst der ruhenden Bälle beherrschen. Beim WSG-Gastspiel musste sich nach bescheidenem Beginn zwar zunächst Goalie Tino Casali bei einem satten Prica-Weitschuss mächtig strecken (5.), angepeitscht von den mitgereisten Fans begannen aber in Minute 17 die Auswärts-Festspiele im Tivoli: Einen Eckball des starken Gianluca Gaudino drückte Bakary Nimaga per Kopf zum 1:0 über die Linie. Und bei einem weiteren Corner netzte Manuel Schreiner per abgefälschtem Nachschuss zum 2:0 (36.) ein. Damit war die Messe für die erneut defensivstarken Mannen um Cheftrainer Ludovic Magnin so gut wie gelesen.

„Ich glaube am Beginn meiner Amtszeit haben  wir auch sieben Gegentore aus Standards erhalten, jetzt hat sich die Sache gedreht. Unsere Schützen arbeiten stets an einer guten Ausführung und wenn du in einen Lauf kommst, kommt das Selbstvertrauen und Gespür, dass eine Standardsituation eine Torchance ist. Wir wissen, wenn wir den Ball bei der Eckfahne auflegen, dass wir eine Torchance haben“, sprach Magnin nach dem Schlusspfiff von einem neuen Selbstverständnis, das durch die ganze Mannschaft, das gesamte Spielfeld und viele verschiedene Situationen reicht: „Unser Start ins Spiel war nicht gut, aber die Spieler stehen füreinander ein, geben keinen Millimeter mehr her, arbeiten taktisch als Mannschaft gut und so haben wir auch das Quäntchen Glück, dass wir zu Beginn des Frühjahrs nicht hatten.“

Neuer Teamgeist

Ein neuer Mannschaftsgeist hat sich in den letzten Wochen rund um Abwehrchef Jan Zwischenbrugger entwickelt, die Ärmel sind längst hochgekrempelt, selbst wenn ein 0:2-Rückstand wie in der Vorwoche beim Heimspiel gegen die Admira von der Anzeigetafel leuchtet: „Wir brechen nicht mehr zusammen, wenn etwas gegen uns läuft“, sagt Magnin voller Stolz.

In Tirol lief alles für Altach. Nach einer 2:0-Pausenführung lauerte man auf Umschaltsituationen, die einen Freistoß in sehr guter Position einbrachten: Gaudino setzte den Ball an die Querlatte (58.), im Gegenzug hatte man bei einem Prica-Schuss an die Innenstange (59.) auch das Glück des Tüchtigen. Und dann narrte der 19-jährige U21-Teamspieler Noah Bischof am Weg zum 3:0 (79.) WSG-Abwehrchef Raffael Behounek und Zan Rogelj und ließ sich vor der Altacher Fantribüne feiern. Er hatte sogar noch das 4:0 am Fuß, das wäre dann aber doch zu viel des Guten gewesen.

„Man muss stets sachlich bleiben, egal ob es gerade für einen oder gegen einen läuft. Am Dienstag starten wir als klarer Außenseiter die Vorbereitung auf das erste LASK-Match. Wir haben jetzt in Tirol ein sehr wichtiges Spiel gewonnen und sind mittendrin im Getümmel. Das war vor ein paar Wochen nicht so“, atmete der 42-jährige Schweizer Cheftrainer und Ex-Teamspieler in den Katakomben des Tivolistadions durch.

Kein Zaubertrank

Ob die als Fixabsteiger gehandelten Altacher einen Zaubertrank gefunden haben? „Nein. Aber für uns war gut, dass uns jeder absteigen sieht und uns alle schon abgeschrieben haben: Weil so konnten wir uns selber sagen: ‚Okay, die einzigen 30-40 Leute, die noch das Gegenteil beweisen können, sind wir hier in der Kabine.‘ Wir wollten eine verschworene Einheit gegen alles Negative, das rundherum war, schaffen“, beweist sich Magnin auch als erfolgreicher Psychologe. Nachsatz: „Genauso wichtig ist es jetzt nicht in Euphorie zu verfallen und sich stets daran zu erinnern, wie hart wir gearbeitet haben, um diesen negativen Trend zu drehen. Denn es ist nicht selbstverständlich acht Punkte zu machen, wenn man zuvor zehn Mal hintereinander verloren hat.“

Der Klassenerhalt wäre ein (kleines) Altacher Meisterstück. Sechs Runden stehen im Nervenkrimi noch aus, alle sechs Teams in der Quali-Gruppe liegen innerhalb von vier Punkten. Bei einem vollen Erfolg gegen den LASK wäre Altach punktegleich. Kurz zurücklehnen und genießen.  

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.