„Das Leben ist jetzt schwarz und weiß“

Sport / 25.11.2022 • 19:13 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der wohl größte Moment im Tennisleben von Sergiy Stakhovsky: 2013 besiegt der Ukrainer Roger Federer in der zweiten Runde von Wimbledon.reuters
Der wohl größte Moment im Tennisleben von Sergiy Stakhovsky: 2013 besiegt der Ukrainer Roger Federer in der zweiten Runde von Wimbledon.reuters

2013 besiegte Sergiy Stakhovsky Roger Federer, seit Februar kämpft er für seine Heimat im Krieg gegen Russland.

Wien Vor neun Monaten startete Russland den Krieg gegen die Ukraine. Ein Tag, der das Leben von Millionen Ukrainern komplett veränderte, so auch jenes von Sergiy Stakhovsky. Denn mit dem Einmarsch der Russen legte der 36-Jährige, der 2013 in Wimbledon die unglaubliche Serie des „Maestros“ Roger Federer von 36 Siegen in Folge brechen konnte und so plötzlich weltweit bekannt wurde, das Tennisracket in die Ecke und griff zur Waffe, um seine Heimat im Kampf gegen den Aggressor Russland zu verteidigen. Die VN trafen den dreifachen Familienvater während seines Fronturlaubes am Flughafen Wien-Schwechat zum Gespräch.

Herr Stakhovsky, wie geht es Ihnen, wenn sie an den 24. Februar 2022 zurückdenken?

Stakhovsky Den Tag bzw. die Nacht davor werde ich sicher niemals vergessen. Dennoch blicke ich heute positiv zurück.

Warum?

Stakhovsky Weil es die Ukraine heute, neun Monate später, immer noch gibt.

Was führte zu Ihrer Entscheidung, von Ihrem Wohnort Budapest zurück in die Ukraine zu gehen und in den Krieg zu ziehen? Sie hätten sich ja auch raushalten können.

Stakhovsky Rausgehalten habe ich mich schon 2014 während der Krise auf der Krim. Eigentlich wollte ich damals schon für mein Land kämpfen, aber die Geburt meines zweiten Kindes stand an. Ein zweites Mal wollte ich mich nicht heraushalten. Es war eine moralische Entscheidung für mein Land, in dem ich aufgewachsen bin, zu kämpfen. Für mich gab es keinen anderen Weg. Ich gebe natürlich zu, dass es egoistisch ist, weil ich eben drei Kinder habe. Und die könnten ihren Vater verlieren. Aber für mich war klar: Ich werde meine Heimat verteidigen. Klar ist nun auch: Ich habe nun zwei Leben. Eines vor dem 24. Februar, eines danach. So geht es all meinen Landsleuten, die jetzt für die Freiheit kämpfen.

Haben Sie nicht Angst,, im Einsatz zu sterben?

Stakhovsky Natürlich hatte und habe ich Angst. Aber seltsamerweise habe ich mich mit jedem Tag länger in der Ukraine und im Krieg gegen Russland mehr und mehr an die Situation angepasst, mich an die Angst vor dem Tod gewöhnt. Man versteht die Konsequenzen seines Tuns erst , wenn sie dich erreichen. Und als ich das erste Mal die Sirenen heulen und die Bombeneinschläge hörte – genau in diesem Moment habe ich wirklich verstanden, was mich erwartet und gelernt damit zu leben.

Standen Sie schon kurz vor dem Tod?

Stakhovsky Zweimal war es richtig knapp. Einmal in Zivil, als ich durch Kiew fuhr und 200 Meter hinter mir eine Drohne ein Gebäude, das ich ein paar Sekunden vorher passierte, bombardierte und komplett zerstörte. Beim zweiten Mal verdanke ich mein Leben wohl nur unserem gepanzerten Fahrzeug, mit dem wir auf Patrouille waren. Wir kamen unter Raketenbeschuss, eine schlug direkt hinter uns ein, die zweite knapp vor dem Auto.

Wie sehr haben solche Erlebnisse Sie in den letzten Monaten verändert?

Stakhovsky Die vielen schrecklichen Erlebnisse haben mich sicher verändert. Aber es mag sich verrückt anhören: Auf der anderen Seite macht dieser Krieg das „Leben leichter“. Denn es gibt jetzt nur mehr Schwarz und Weiß, es gibt kein Grau mehr. Es zählen nur die Dinge, die man macht, oder eben nicht macht. Man kann im Krieg nicht sagen: Nächstes Mal mache ich es besser“ – Denn es gibt vielleicht kein nächstes Mal mehr

Wie kann man sich das Leben in der Ukraine aktuell vorstellen?

Stakhovsky Die Menschen haben sich mittlerweile an die schrecklichen Umstände gewöhnt, sie leben damit. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes übrig. Wenn man darüber nachdenkt, ist es unglaublich: Die Leute haben sich mit dem Heulen der Sirenen und den Bombenangriffen arrangiert. Den Menschen ist bewusst, dass man weitermachen muss, sonst gibt es ja nichts mehr, für das es wert ist zu kämpfen.

Haben Sie Angst, dass die Aufmerksamkeit im Westen Europas und der Welt Richtung Krieg weniger wird?

Stakhovsky Ich glaube, dass dies ein verständlicher Prozess ist. Im Februar und März hatte Europa viel Stress. Die Angst war groß, viele Flüchtlinge mussten aufgenommen werden, es wurde schnell und gut unterstützt. Dass es nun im Rest von Europa etwas „entspannter“ ist, hat sicher auch damit zu tun, dass man sieht, die Ukraine ist ein guter Schutzschild gegen Russland. Daher verstehe ich diese Entwicklung nur allzugut, es ist einfach menschlich.

Ein Schutzschild für Europa?

Stakhovsky Damit haben wir überhaupt kein Problem. Europa hat ja viel für die Ukraine gemacht. Einzig Angst macht mir, dass man im Westen die Auffassung hat, zum jetztigen Zeitpunkt über ein Friedensabkommen zu reden. Das geht aber nicht, denn die Russen sind ja noch in unserem Land. Über Frieden können wir erst reden, wenn die russischen Truppen wieder hinter unseren Grenzen sind. Übrigens: Nach 2014 hatten wir auch ein Friedensabkommen – und jetzt stehen wir im Krieg.

Wie wird sich der Krieg entwickeln?

Stakhovsky Ich glaube, dass wir Russland bis Ende nächsten Sommers zurückdrängen können. Außer sie greifen auf Atomsprengköpfe zurück – aber dann ist die Welt, so wie wir sie jetzt kennen, Geschichte.

Ihr erstes Weihnachten in Kriegszeiten steht vor der Tür. Surreal?

Stakhovsky Ehrlich gesagt, denke ich erstmal daran, dass ich am 8. Dezember wieder in die Ukraine zurückkehre. Dann daran, das ich die Wochen bis Weihnachten gut überstehe. Viel Zeit zum Nachdenken hat man eh nicht, wenn wieder die Sirenen heulen, man in den Bunker muss und dann dort sitzt und hofft, dass die Bomben deinen Bunker verfehlen. Aber wie gesagt: Man gewöhnt sich auch an diese Sachen. Und dann erst denke ich an das Weihnachtsfest.

Es hört sich alles wie in einem Horrorfilm an.

Stakhovsky Ja, wie eine Apokalypse. Die schlimmste Erfahrung meines Lebens hatte ich, als ich am Mittag in Kiew am Hauptplatz stand. Keine Menschen, keine Autos, nichts – nur Stille. Bis die Sirenen heulten und kurz darauf die Bomben einschlugen.

Gibt es Momente, in denen Sie sich zurückziehen und auch mal weinen?

Stakhovsky Nein. Ich habe nur geweint, als ich mein Zuhause in Budapest verließ und mein kleinster Sohn (3) mich fragte, wohin ich gehe. Ich habe gesagt, ich gehe nur kurz in die Garage.

Wie weit ist Ihr Leben als Tennis-Profi schon weg?

Stakhovsky Ein anderes Leben. Es fühlt sich aktuell an, als hätte es nie stattgefunden. Ich hoffe, dass sich das irgendwann wieder ändert.

Sergiy Stakhovsky im Gespräch mit VN-Redakteur Markus Krautberger in Wien.privat
Sergiy Stakhovsky im Gespräch mit VN-Redakteur Markus Krautberger in Wien.privat
Mit dabei: Armee-Rucksack und Tennistasche.
Mit dabei: Armee-Rucksack und Tennistasche.

Zur Person

Sergiy Stakhovsky

wurde im Jahr 2003 zum Tennisprofi. Seine Karriere wurde durch den Krieg Russlands gegen seine Heimat Ukraine im Februar 2022 beendet.

Geboren 6. Jänner 1986 in Kiew

Größe 1,93 Meter

Gewicht 80 Kilogramm

Familie verheiratet seit 2011, drei Kinder

Wohnort Budapest

Karriere Single: 4 ATP-Turniersiege Doppel: 4 ATP-Turniersiege Beste Platzierung Single Nr. 31 (2010); Doppel Nr. 33 (2011)

Preisgeld 5.606.769 Millionen Dollar

Weiteres Besitzer eines Weingutes in Zakarpattia, im Westen der Ukraine.

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