Vollen Strafrahmen ausschöpfen

Auffallend viele Ausschreitungen im Vorarlberger Nachwuchsfußball prägen ein düsteres Bild.
Schwarzach Während im Herrenriedstadion der neue Cupsieger gesucht wird, tagt nur wenige Meter weiter – ebenfalls in Hohenems – der STRUMA (Straf- und Meldeausschuss des Vorarlberger Fußballverbandes). Und da schlägt deren Vorsitzender Hans Bertsch Alarm. Denn von den bislang elf Sitzungen in diesem Jahr waren nur deren drei „normal“. „Da rede ich dann von Roten Karten wegen einer Torchancenverhinderung oder von einer Tätlichkeit“, erzählt der 72-Jährige. „Die Hemmschwelle ist inzwischen bedenklich niedrig“, sagt Bertsch, der über einen jahrzehntelangen Erfahrungsschatz im Vorarlberger Fußball verfügt. „Wir haben uns deshalb entschlossen, diesem Trend mit der Ausschöpfung des vollen Strafrahmens entgegenzuwirken.“
Die Chronologie der STRUMA-Sitzend im Fußballjahr 2023:
22. März: VFV-Cup, FC Lustenau vs Austria Amateure – Pyrotechnik und Fanausschreitungen (Geldstrafen 400 bzw. 1000 Euro)
5. April: VL, Lochau vs Austria Amateure – Lochauer Fan attackiert Schiedsrichter (Geldstrafe Lochau 800 Euro)
12. April: VL, Austria Amateure vs Alberschwende – Trainer attackiert bzw. beleidigt SR und dessen Assistenten (3-Spiele-Sperre und Geldstrafe 150 Euro)
19. April: 1. LK, Hatlerdorf vs Viktoria – Cotrainer attackiert Schiedsrichter nach dem Spiel (Sperre bis 31. Dezember 2026)
26. April: EL, Röthis vs Lauterach – Trainer beleidigt SR, mangelnder Ordnerdienst (1 Spiel Sperre und Geldstrafen 200 bzw. 500 Euro)
3. Mai: LL, Feldkirch vs Schwarzenberg – Spieler schlägt SR (72 Spiele Sperre); U10, Ludesch A vs Nüziders A – Spielabbruch, verursacht durch zwei Mütter der U10 B von Nüziders (Spielstand 4:1 bestätigt/Vereinssitzung mit Eltern)
17. Mai: U16, Hohenems vs Nenzing – Zuschauerattacke gegen SR (1000 Euro Strafe für Nenzing); U11, Andelsbuch vs Lauterach B – Spielabbruch durch Lauterach (Geldstrafe 300 Euro); U11, Hohenems B vs Lochau – Spielabbruch nach Hohenemser Zuschauertumult (Geldstrafe 500 Euro)
24. Mai: VFV, Frauencupfinale Alberschwende vs Leiblachtal – Pyrotechnik (Geldstrafe je 500 Euro)
Schiedsrichter als „Mangelware“
Vorarlbergs Schiedsrichterobmann Klaus Baumann weiß natürlich, dass Unparteiische oft als Buhmann hingestellt werden. Aber gerade im Nachwuchs, wo Vereinsschiedsrichter eingesetzt werden, hat er wenig Handhabe. „Das ist Sache der Vereine und des Verbandes. Aber klar, wir haben zu wenig Schiedsrichter. Teilweise müssen sie vier, fünf Spiele am Wochenende leiten oder assistieren, da leidet die Qualität.“ Und Emotionen, so Baumann weiter, habe es auch früher gegeben. Doch sei es schon fast normal, dass Spieler einem Schiedsrichter ins Gesicht spucken.
Für Bertsch, der seit nunmehr 17 Jahren bei der STRUMA ist, sind es nicht allein die Nachwuchsspieler, sondern vielmehr die Eltern. „Es ist einfach unwahrscheinlich, wie niedrig die Hemmschwelle inzwischen ist. Kaum vorstellbar, aber zwei Mütter der B-Mannschaft, die nicht einmal aktiv spielte, haben einen Spielabbruch provoziert.“ Diesbezüglich setzt auch er sich stark für das Projekt „Teamplay – vom Gegeneinander zum Miteinander“ ein. „Aber wenn die Eltern nicht mitspielen, keine Chance. Die Gewaltbereitschaft ist einfach gewachsen. Klar, Spielabbrüche hat es in der Geschichte des Fußballs hier im Land immer gegeben. Aber dass jemand mit einem Messer auf dem Fußballplatz ist und dieses auch zückt und es die Polizei braucht, ist eine neue Dimension.“
Die Problematik rund um die Unparteiischen ist ihm ebenfalls nicht neu. „Bei U10-Spielen ist ja der Schiedsrichter oft nicht älter als 14 Jahre. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie ob der sich häufenden Erlebnisse das Handtuch werfen.“ Dabei, so Bertsch weiter, gebe es die „wunderbare Aktion“ „Ohne Schiedsrichter kein Fußball“. „Und wir brauchen dringend Schiedsrichter. Derzeit haben wir rund 125 und benötigt würden 180.“
Seitens der STRUMA werde man mit der Ausschöpfung der Höchststrafen reagieren. Aber, so Bertsch, es gebe auch gute Ansätze. Etwa im Nachwuchs, wenn sich Vereine explizit mit den Geschehnissen auseinandersetzen müssen. „Das funktioniert gut, leider nicht in allen Vereinen.“