“Und bei der EM ist alles möglich”

ÖFB-Präsident Klaus Mitterdorfer (58) sprach anlässlich der VFV-Hauptversammlung über Erwartungen und aktuelle Probleme.
Bregenz Mit einer morgendlichen Laufrunde („Ihr habt‘ es wunderschön hier“) entlang der Seepromenade war Klaus Mitterdorfer in den Samstag gestartet. Der ÖFB-Präsident war anlässlich der VFV-Hauptversammlung aus Kärnten angereist. Auch eine Wertschätzung gegenüber dem wiedergewählten VFV-Präsidenten Dr. Horst Lumper, über den er sagt: „Was den Fußball betrifft, so schaut er sehr auf sein Vorarlberg.“ Gegenüber den VN sprach er über die anstehenden Herausforderungen während seiner Amtszeit, die im Juli 2023 anlässlich einer außerordentlichen ÖFB-Generalversammlung begann und bis 2025 läuft.
Im Vorjahr ist alles sehr schnell gegangen. Haben Sie schon ein wenig Zeit gefunden, die Geschehnisse zu reflektieren?
Das ist ob der geballten Termine und vielen Themen tatsächlich etwas schwierig. Dabei bin ich von Natur aus ein Mensch, der gerne und viel reflektiert. In den letzten Monaten jedoch wurde ich von den Herausforderungen überrollt. Gleichzeitig macht das den Job spannend. Es ist halt nicht immer einfach, alle Themen unter einen Hut zu bekommen. Zumal ich die Funktion ehrenamtlich ausübe und einen Full-Time-Job (Anm. d. Red.: Stellvertretender Direktor der Ärztekammer für Kärnten) habe. Aber wir haben beim ÖFB ein gutes Team und natürlich haben die sportlichen Erfolge der Nationalteams, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, viel zu aktuell guten Stimmung beigetragen. Das erzeugt eine gewisse Ruhe und so kann ich mich auf andere wichtige Dinge konzentrieren.

Die da wären?
Der ÖFB-Campus in Wien-Aspern. Wir haben das Leuchtturm-Projekt finalisiert und sind mit dem Bau in den Startlöchern. Damit entsteht eine Heimat für alle Nationalteams mit fünf Plätzen und einem kleinen Stadion. Auch die Geschäftsstelle des Fußballverbandes wird integriert. Daneben ist mir sehr wichtig, Akzente im Amateurfußball zu setzen. Wir wollen jungen Menschen im Fußball eine Heimat bieten. Dazu zähle ich auch das Projekt „Helping Hands“, mit dem wir jetzt, gemeinsam mit der österreichischen Gesundheitskasse, in Kärnten starten. Dafür wird im Landesverband ein zusätzlicher Posten geschaffen. Es muss uns auch gelingen, die Vereine in organisatorischen und rechtlichen Belangen zu stärken.
Da wartet wohl viel Arbeit?
Ich habe das Glück gehabt, im Fußball alles erleben zu dürfen. Bis in die dritte Liga habe ich selbst aktiv gespielt, dann schon in jungen Jahren die A-Lizenztrainerprüfung abgelegt und sowohl im Erwachsenenfußball als auch alle Kinderteams trainiert. Somit kenne ich die Sorgen und Nöte der Vereine. Auch als Kärntner Landespräsident habe ich versucht, das Ohr bei den Vereinen zu haben.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Das klingt in Zeiten, in denen es im Fußball um Vergaben von Endrunden und viel Geld wie etwa bei Spielergehältern geht, sehr geerdet?
Eine gewisse Demut habe ich von meinen Eltern mitbekommen und wir leben das auch in unserer Familie. So bin ich und deshalb ist es mir wichtig authentisch zu bleiben.
Als Präsident des größten Sportverbandes in Österreich müssen Sie auch ein Machtwort sprechen?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich versuche, Entscheidungen immer mit einer gewissen Klarheit und Zielorientiertheit zu treffen.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Die EM-Endrunde (Anm. d. Red.: 14. Juni bis 14. Juli) rückt näher. Verspürt auch der Präsident schon ein gewisses Kribbeln?
Ja, absolut. Zumal ich die Mannschaft und das gesamte Trainerteam nicht nur als qualitativ hochwertig erleben durfte, sondern auch die riesige Freude bei allen spüre, für das Nationalteam zu arbeiten bzw. zu spielen. Das zeigt mir, dass wir auf einem guten Weg sind. Klar sportlich ist die Vorrundengruppe (Anm. d. Red.: Frankreich, Niederlande, noch unbekannter Gegner) schwer, aber es hat sich gezeigt, dass alles machbar ist.
Wie wichtig ist für den ÖFB eine Endrunde in finanzieller Hinsicht?
Keine Frage, es hilft in wirtschaftlicher Hinsicht. Vor allem sind es Gelder, die allen – sowohl Proficlubs als auch dem Amateurfußball – zugutekommen. Deshalb muss es unser Ziel sein, hinkünftig bei allen Endrunden, sei es WM oder EM, dabei zu sein.

Aktuell beschäftigen die beleidigenden und homophoben Parolen von Rapid-Funktionären und -Spielern nach dem Derbysieg gegen die Austria auch den Fußballbund.
Das Verhalten und die getätigten Aussagen sind einfach inakzeptabel. Es braucht jetzt mehr als nur eine Entschuldigung. Es braucht eine ehrliche und offene Aufarbeitung und die Bereitschaft, einen neuen Weg zu gehen.
Ein großes Thema sind auch die Schiedsrichter?
Durch die Besetzung von Viktor Kassai als Technical Director versuchen wir das Thema auf eine professionellere Ebene zu heben. Ich denke, dass wir hier auf einem guten Weg sind, jedoch Zeit brauchen.
Ihre Einschätzung zur Wiederwahl von Horst Lumper?
Ich habe ihn vor acht Jahren als Menschen, der mit Leidenschaft, Herz und Begeisterung für den Fußball da ist, kennenlernen dürfen. Als Landespräsident setzt er sich stark für den Amateurbereich ein, auch das Akademiethema ist ihm wichtig. Stark ist auch sein Einsatz, mehr Länderspiele nach Vorarlberg zu bekommen. Im Präsidium selbst ist seine Meinung sehr wertvoll und wird gehört. Uns beide verbindet inzwischen eine Freundschaft.