Toni Innauer

Kommentar

Toni Innauer

Kommentar: Doppelte Frauenpower

Sport / 10.08.2026 • 14:43 Uhr

Francesca Schiavones Vorstellung bei ihrem Grand-Slam-Sieg in Paris 2010 ist ein sportpsychologisches Lehrstück. Ein 1,66 m-Energiebündel mit einhändiger Rückhand nützt jede Chance, um mit entschlossenen Volleys am Netz den Abschluss zu finden. Okay, die Australierin Stosur hat es ihr in manchen Situationen leichter gemacht. Als Favoritin konnte sie den Druck weniger gut in Leistung und Punkte umsetzen als die quirlige Italienerin. Schiavones Intensität und ihre originelle, kluge und gleichzeitig atemberaubend mutige Art spielen zu sehen, beeindrucken schwer.

Als österreichischer Tennisfan mit Trainerhintergrund wollte ich nach den ersten Auftritten „unserer“ Lilli Tagger mehr über ihre internationale Zusammenarbeit mit Schiavone wissen. Das Gesamtprojekt ist in mehrfacher Hinsicht, zugegeben von außen betrachtet, außergewöhnlich und herzerfrischend gegen den Mainstream gebürstet.:

Ex-Champions sind als Trainer, vor allem in kommerzialisierten Sportarten, eine Rarität. Die Erfolgslatte liegt bedrohlich hoch. Und noch seltener sind es Frauen, die nach hochdekorierter Profilaufbahn die Herausforderung als Trainerin suchen. Das Trainerwesen ist insgesamt eine Männerdomäne, die erstaunlicherweise vom Großteil der Sportlerinnen – siehe Skisport -, so gewünscht wird. Neben Conchita Martinez ist Schiavone so eine mutige Pionierin, die sich in diesem Berufsfeld durchsetzt.

Lilli Tagger ist eine von gerade noch vier Spielerinnen aus den Top 100, die ihre Rückhand einarmig schlagen. Ein Nachteil dieser Technik, die so elegant wirkt, wie sie auf italienisch (il rovescio) klingt, soll die Bändigung von hohen Topspinbällen der Gegnerin sein. Ein Vorteil – schlag nach bei Martina Navratilova – ist die Verbindung von Grundschlägen mit dem Netzspiel. Die Vorstellung der großgewachsenen Osttirolerin mit der mentalen Stärke und Routine ihrer Trainerin zu ihrer besten Zeit lässt nicht nur mich von großen Matches träumen. In der Tennisrealität wird der Weg allerdings zunehmend steiler werden.

Vermutlich zeigt die Mailänderin aus diesem Grund und auf der Trainerbank nicht ausschließlich puren Kampfgeist. Eine besondere innere Verbindung zwischen den beiden ist spürbar. Schiavone vermittelt verständnisvolle Ruhe, Geduld und Vertrauen in die autonome Lernfähigkeit ihrer Schülerin. Tagger darf noch Zeit brauchen, um ihre eigenen Erfahrungen zu machen.

Interviews mit Schiavone machen eindrucksvoll deutlich, wie sehr sie auch an Persönlichkeitsentwicklung und Lebenswelten ihrer Spielerinnen interessiert ist. Wie sehr sie auch davon überzeugt ist, dass Unterstützung in diesem Segment Karrieren stabilisieren kann.  

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.