Kommentar: Alle in ihrer eigenen Welt
Dieser Sommer hat seine popkulturelle Erregung schon hinter sich, ehe die nächste Hitzewelle beginnt. Ende Juli erklärt die junge Sängerin Rahel in einem Instagram-Video, dass manche Lieder von Austropop-Künstlern wie Ludwig Hirsch oder Georg Danzer aus ihrer Sicht „widerwärtig“ seien. Sie bezieht sich auf Texte wie in Hirschs „Spuck den Schnuller aus“ oder in Danzers „Vorstadtcasanova“ und meint gar, Hirsch würde in seinem Lied „Pädophilie zelebrieren“. „Leute, wir müssen endlich aufhören, Austropop zu verklären!“, ruft sie den anderen zu.
Über die klassische Frage hinaus, was Kunst darf und was nicht, kann man an dieser Aufregung, die in Folge auch für viel Widerspruch sorgt, durchdeklinieren, wie die „Affektmaschine Internet“ (Kultursoziologe Andreas Reckwitz) funktioniert: Alle streben mit ihren Inhalten nach Sichtbarkeit, alle argumentieren in ihrer Welt und der Kampf um die Aufmerksamkeit wird laut Reckwitz „eher durch affizierend wirkende – unterhaltende, empörende, faszinierende etc. – Texte, Bilder oder Spiele gewonnen als durch affektarme Informationen.“
Keine gemeinsame Basis
Der Fall Rahel gegen die alten Austropop-Männer zeigt, wie kurz die Zyklen in unserer beschleunigten Welt geworden sind und wie fremd sich Menschen innerhalb von ein, zwei Generationen werden können. So etwas wie eine gemeinsame Basis des Wissens scheint verloren zu gehen, wenn Wissensgewinnung heute im Alltag gerade bei Jüngeren schon stark über Nachfragen bei KI-Modellen wie ChatGPT und Co. läuft. Und weniger über den Austausch mit Menschen, die von einer Zeit und ihren Phänomenen vielleicht etwas berichten könnten. Nein, früher war nicht alles besser. Und ja, manche Einordnungen und Deutungen von damals können heute natürlich hinterfragt werden. Sobald man weiß, worüber man spricht.
Denn an der Aufregung rund um die vermeintliche „Widerwärtigkeit“ der anderen zeigt sich eine der unerfreulichsten Erscheinungen der Gegenwart: Der Sofortismus und die dauernde Meinungsstärke – ich habe beim Thema XY so ein ungutes Gefühl und muss daher umgehend meine starke Meinung äußern! Viele haben immer schnell eine Meinung zu allem, diese äußern sie gerne öffentlich, gerne ungefragt; andere reagieren pointiert darauf, um ebenfalls etwas Aufmerksamkeit zu gewinnen. Eine Erscheinung des Social-Media-Zeitalters, die durch die Plattformen mit erschaffen wird. Hier spielt man Meinungs-Ping-Pong, bis einer weint.
Die Künstlerin Rahel selbst legt übrigens bei ihrem viel diskutierten Instagram-Posting offen, dass ihre Recherche dazu „unsauber“ gewesen sei und löscht es nicht, als wäre nichts gewesen. Ein leiser Anflug von Fehlerkultur in der Affektmaschine.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
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