Hundert Jahre Irma: Ein Leben voller Herausforderungen

Irma Keckeis aus Röthis feierte kürzlich ihren 100. Geburtstag und blickt trotz zahlreicher Schicksalsschläge auf ein erfülltes Leben im Kreise ihrer großen Familie zurück.
Röthis Irma Keckeis feierte kürzlich ihren 100. Geburtstag. Sie steht noch unter dem Eindruck des großen Geburtstagsfestes im Pfarrsaal Weiler. „Es war ein wunderschönes Fest.“ Das Geburtstagskind gehörte zu jenen, die bis zum Schluss blieben. „Um durchzuhalten, habe ich einen Energy-Drink getrunken. Um 22 Uhr sind meine Tochter Gerlinde und ich dann heimgegangen.“

Irma hätte nie gedacht, dass sie so alt wird. Diesbezüglich überraschte sie das Leben. Obwohl sie bereits im Methusalem-Alter ist, möchte sie noch ein paar Jährchen leben. Denn: „Mir geht es gut. Gerlinde kümmert sich fürsorglich um mich. Die ganze Familie verwöhnt mich.“ Seit vergangenem Sommer hat die betagte Frau aber Probleme mit der rechten Hüfte. Deswegen kann sie nicht mehr ins Fitnesscenter gehen. Zuvor trainierte sie zwei Jahre lang jeden Tag im Feelgood-Center in Rankweil. „Man nannte mich die Feelgood-Oma.“ Tochter Gerlinde bewundert ihre Mama. „Obwohl sie Schmerzen in der Hüfte hat und mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen ist, jammert sie nie. Sie ist ein unglaublich zufriedener und dankbarer Mensch.“

Das Leben verlangte aber so viel von Irma ab, dass sie auf keinen Fall mehr wiedergeboren werden möchte. Zwei Lebenspartner, zwei ihrer vier Kinder und ein Enkelkind musste sie begraben. Ihr Ehemann Karl starb 1986 mit 74 Jahren. „Zwei Jahre habe ich getrauert.“ Mit Friedl lernte Irma nochmals einen Mann kennen. „Mein Freund und ich waren 20 Jahre zusammen. Er starb im Jahr 2008.“ Schwer traf sie auch der Tod ihrer zwei Kinder. „Martin hatte Lungenkrebs. Er starb 2013. Auch Irmgard litt an Krebs. Sie ging im Jahr 2022.“ Der Tod ihres neun Monate alten Enkelkindes Carmen im Jahr 1983 setzte Irma ebenfalls zu. „Das Kind litt an einem Herzfehler.“

Das waren aber nicht die einzigen Schicksalsschläge, die die in Frastanz aufgewachsene Frau verkraften musste. Im Jahr 1960 brannte ihr Zuhause, ein Bauernhaus, bis auf die Grundmauern ab. „Mein Mann Karl und ich verloren unser ganzes Hab und Gut.“ Und in ihrer Jugend kam es zu einem Vorfall, der sie beinahe das Leben gekostet hätte. „Der Sohn des Metzgers spielte mit einem geladenen Gewehr. Er hat herumgeschossen. Eine Kugel traf mich an der Schulter.“ In einer Operation entfernte der Arzt die Kugel. Der Eingriff wurde ohne Narkose durchgeführt. „Der Doktor sagte zu mir: ,Halte dich am Stuhl fest.‘“

Ein Krieg gehört ebenfalls zu ihren Lebenserfahrungen. „Ich schaute zu, wie über Feldkirch Bomben abgeworfen wurden und ein Mädchen durch Schüsse aus einem Panzer ums Leben kam.“ Irmas Gesichtsausdruck ist jetzt sehr ernst. Dann platzt es aus ihr heraus: „Bloß kein Krieg mehr. Der Frieden ist das Wichtigste – auch in der Familie.“

Irma, die 15 Jahre bei der Firma “Kunststofftechnik Fries” in Sulz arbeitete, ist stolz auf ihre große Familie. „Ich habe zwölf Enkel, 28 Urenkel und neun Ururenkel.“ Heute Vormittag ist ihre Urenkelin Colien bei ihr zu Besuch gewesen. Sie brachte ihren drei Monate alten Sohn Oskar mit. Beide gelten viel bei Irma. Plötzlich klingelt es an der Tür. Irmas Sohn Erwin und dessen Frau Amalia kommen zum wöchentlichen Spielenachmittag. Irma spielt mit Hingabe und Eifer Mensch-ärgere-Dich-nicht. „Ich würde es vermissen, wenn wir nicht mehr zusammen spielen würden.“ Ein anderes Hobby musste sie bereits aufgeben. Die rüstige Frau strickte früher mit Leidenschaft. „Ich habe im Jahr mehr als 30 Paar Socken gemacht.“ Seit einem halben Jahr kann sie diesem Hobby zu ihrem Bedauern nicht mehr nachgehen. Ihre Finger sind nicht mehr beweglich genug. Irmas Radius wird immer kleiner, während Erinnerungen mehr Raum einnehmen. In stillen Stunden holt sie die Vergangenheit ein.

