Kunstfreiheit braucht Haltung – nicht populistische Kapriolen

VN-Kommentar von Gerald Matt.
Die Entscheidung des Landes Tirol, den vorbereiteten Ankauf der Sammlung Peter Weiermair zu stoppen, ist weit mehr als eine singuläre kulturpolitische Entscheidung. Sie steht exemplarisch für einen problematischen Trend: Kunst wird aus ihrem historischen, ästhetischen und gesellschaftlichen Zusammenhang gelöst und stattdessen allein nach politisch opportunen moralischen Maßstäben beurteilt. Damit gerät letztlich die Kunstfreiheit selbst unter Druck. Peter Weiermair zählt zu den bedeutendsten österreichischen Kunsthistorikern, Kuratoren und Ausstellungsmachern der vergangenen Jahrzehnte. Als Leiter des Rupertinums in Salzburg, des Frankfurter Kunstvereins und der Galleria d’Arte Moderna in Bologna prägte er den internationalen Kunstdiskurs nachhaltig. Seine Sammlung ist nicht nur eine Ansammlung hochkarätiger Kunstwerke, sondern zugleich ein einzigartiges Zeugnis eines außergewöhnlichen kuratorischen Lebenswerks.
Die von einer Tiroler Zeitung angezettelte und von der Tiroler Politik letztlich abgesegnete Debatte konzentriert sich jedoch ausschließlich auf wenige Fotografien, deren wissenschaftliche Einordnung bei der Sichtung der Sammlung durch Experten zwar erfolgte, deren juristische Relevanz aber lediglich journalistischem und politischem Populismus vorbehalten blieb. Sowohl Kunsthistoriker als auch Juristen weisen darauf hin, dass zwischen künstlerischer Aktfotografie, dokumentarischer Fotografie und strafrechtlich relevanten Darstellungen sorgfältig unterschieden werden muss. Gerade Museen sollten Orte sein, an denen diese Differenzierung möglich ist. Besonders bedenklich ist, dass mit dem Verzicht auf den Ankauf offenbar die gesamte Sammlung – mit Spitzenwerken von Künstlern wie Hockney, Warhol, Bourgeois, Rainer, Brus, Mapplethorpe oder Avedon – aus dem Blick gerät. Tirol verliert damit nicht nur bedeutende Kunstwerke, sondern auch die Chance, einen international einzigartigen Bestand für Forschung, Ausstellungen und den wissenschaftlichen Diskurs zu sichern.
Ebenso irritierend erscheint das Verhalten der Museumsverantwortlichen. Gerade in einer Situation, in der die Integrität einer bedeutenden Sammlung und die Lebensleistung ihres Sammlers öffentlich infrage gestellt werden, wäre eine fundierte Stellungnahme zu erwarten. Museumsdirektoren haben nicht nur die Aufgabe, zu sammeln und zu bewahren, sondern auch, gesellschaftliche Debatten mit Expertise, historischer und wissenschaftlicher Differenzierung zu begleiten. Schweigen schafft hingegen ein Vakuum, das von moralischen Spekulationen gefüllt wird. Museen könnten versucht sein, kontroverse Werke vorsorglich auszuschließen, anstatt sie wissenschaftlich einzuordnen und kritisch zu vermitteln. Man denke dabei auch an Werke Schieles oder Balthus’.
Die angebliche Causa Weiermair sollte Anlass zu einer grundsätzlichen Debatte sein: nicht über die vorschnelle moralische Verurteilung ganzer Sammlungen, sondern über die Verantwortung öffentlicher Kulturinstitutionen, Kunstfreiheit, wissenschaftliche Redlichkeit und historische Kontextualisierung auch dann zu verteidigen, wenn dies unbequem ist. Eine offene Gesellschaft definiert sich nicht dadurch, dass sie schwierige Kunst ausblendet, sondern dadurch, dass sie den Mut besitzt, sich differenziert mit ihr auseinanderzusetzen. Dies sollte auch Anlass sein, die Absage des Sammlungsankaufes zu überdenken.