Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Ohne ein Wort (9)

01.07.2019 • 16:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gerti wachte auf, und ihr Mann lag nicht neben ihr. Normalerweise war sie die erste, die aufstand, dann bereitete sie das Frühstück zu.

Er war auch nicht in der Wohnung. Der Kleiderschrank stand offen und sie sah, dass zwei seiner Anzüge weg waren, einige Hemden, Unterwäsche, das Paar gute Schuhe. Der Koffer war auch weg. Ihr fiel kein einziger Mensch ein, zu dem er hätte gehen können. Er war einfach weg. Ohne ein Wort. Sie hatten keinen Streit gehabt, da war nichts gewesen.

Sie machte sich fertig und fuhr mit dem Bus ins Büro. Keinem sagte sie etwas. Sie arbeitete bis zum Abend, dann fuhr sie wieder mit dem Bus nach Hause. Ihr Mann war immer noch nicht da. Sie deckte den Tisch, richtete eine kalte Platte. Saß dann vor dem Essen und starrte es nur an.

„Wir beide leben richtig nur in Büchern, das wirkliche Leben ist für uns das falsche.“

Aus der Nachbarwohnung hörte sie seit langem wieder das Lachen der Frau. Sie sprang auf und schob den schweren Kasten an die Wand. Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich unter die Decke.

Wenn er sich etwas angetan hatte. Sie glaubte es nicht. Sie hatte bei seiner Arbeitsstelle angerufen. Es hieß, er habe Urlaub genommen, drei Wochen. Sie würde morgen wieder zur Arbeit gehen und anschließend zur Polizei, um sein Verschwinden zu melden.

In der Nacht schüttelte sie ein Weinkrampf.

Auf der Treppe dann begegnete ihr der Russe, er sah sie an und da liefen ihr schon die Tränen in den Mantelkragen.

„Kommen Sie“, sagte er, „Sie reden mit Liv und ich koche uns Blini.“
Liv lag auf dem Sofa, zugedeckt bis zur Nasenspitze, die Krücken lehnten an der Wand.

„Er kommt wieder“, tröstete sie Gerti, „lassen Sie ihm ein wenig Zeit, er wird sich nach seinen Gewohnheiten sehnen.“

„Als ich ihn kennenlernte, war ich sehr verliebt“, sagte Gerti. „Ich saß im Bus und hatte mein Buch vergessen, Anna Karenina, er lief mir nach und gab es mir. So fing es an. Wir beide leben richtig nur in Büchern, das wirkliche Leben ist für uns das falsche.“

„Und Ihr Mann wollte endlich ins wahre Leben zurück“, sagte Liv und fügte schnell hinzu, so denke sie es sich.

„Aber ich finde mich nicht mehr zurecht, es ist zu spät“, sagte Gerti.
Aus der Küche roch es nach Fett und Musik klang ins Wohnzimmer.

„Lieben Sie Musik?“, fragte Liv. „Ich höre den ganzen Tag Radio, Wortsendungen, Klassik, Diskussionen, da habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein.“

„Das muss ich mir angewöhnen. Kann man sich das einfach so angewöhnen?“, fragte Gerti.

Gerti nahm ihre Hand. „Wärme ist wichtig, Sie sollten nie frieren, sich satt essen ist wichtig.“

Der Russe brachte drei Teller, verteilte das Essen und sie wünschten einander guten Appetit.

„Sex ist auch wichtig“, sagte der Russe, und als er das Gesicht von Gerti ansah, das so traurig wirkte, sagte er: „Entschuldigung.“

Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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