Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Luca – eine Geschichte in fünf Teilen. Fünfter und letzter Teil

VN / 01.12.2019 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wir waren uns im Zug gegenübergesessen. Luca, so hieß die Frau, erzählte mir von ihrer Kindheit, dass sie erst von ihren Eltern, dann von ihren Großeltern davongelaufen sei. Da sei sie erst fünf Jahre alt gewesen.

„Septemberwind kam mir entgegen, ein Bus hielt. Zwei alte Frauen stiegen ein, und ich tat, als gehöre ich zu ihnen. Ich wurde gefragt, wie ich heiße und warum ich so ein kühles Kleidchen trage.

Warum trägst du ein Holz mit dir herum?

Ich fahre zu meiner italienischen Mama, sie holt mich ab, sagte ich.

Der Großvater hatte inzwischen angerufen. Dass man mich suche. Viel Sorgen hat man sich nicht um mich gemacht. Unser Baby war immer noch da. Die Mutter legte es einfach so auf das Sofa, wie einen Gegenstand, schimpfte nicht mit mir, nahm mich auf den Arm und schaukelte mich, dabei sang sie: „Ninna nanna coccolo della mamma. Ninna nanna coccolo del papa.“

Sieben Jahre später, ich hatte bereits meine erste Menstruation hinter mir, da fuhren wir endlich in den so lange versprochenen Urlaub nach Italien. Wir wohnten im fünften Stock eines feinen Hotels. Ich hatte Luca kennengelernt, dem ich gefiel, er war schwarzlockig und frech. Wir lachten, weil wir den gleichen Namen hatten, ein Bub und ein Mädchen. Mama und Papa saßen beim Abendessen auf einer Veranda, unter ihnen der Sandstrand. Sie stritten. Meine kleine Schwester hielt sich die Ohren zu. Mama schlug mit dem Messer auf den Tisch. Basta! Ich hatte mich mit Luca davongeschlichen. Wir saßen im Sand, und Luca sagte etwas. Wollen Sie wissen, was er sagte?“

„Das würde ich gern wissen“, sagte ich.

„Er sagte: Tiefe Stille herrscht im Wasser.“

„Das ist doch schön.“

„Schön genug, dass ich es mir mein ganzes Leben lang gemerkt habe. Er streichelte mir übers Gesicht. Und wollen Sie wissen, was ich gesagt habe?“

„Was haben Sie gesagt?“, fragte ich.

„Ich sagte: Ich hasse meine Familie! Ich werde sie bestrafen, und du, Luca, musst mir helfen. Ich gehe jetzt in unser Zimmer im fünften Stock und rufe meine Eltern. Bleib du hier sitzen. Ich komme gleich wieder. Dann lege ich mich in den Sand, verrenkt. Es muss aussehen, als wäre ich aus dem Fenster gesprungen. Du musst schreien. Sie sollen Angst um mich haben. Ich will wissen, wer am meisten verzweifelt ist. Sicher meine Schwester. Ich werde mit dir schlafen, wenn du das für mich tust, Luca. – Das habe ich zu ihm gesagt.“

„Und wie ging es aus?“, fragte ich, aber da waren wir in Berlin angekommen.

Ende.