Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Hör auf, mich zu küssen

VN / 02.02.2020 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Hör auf, mich zu küssen“, sagte Irene. „Du willst mich ja doch nicht!“
„Ich will dich“, sagte Robert.
„Dann heirate mich!“
„Das sind zwei paar Schuhe, du weißt, dass ich verheiratet bin.“

„Ich werde ihn umbringen, dachte sie, vergiften, das ist Frauenart zu morden.“

„Dann tu, was du mir versprochen hast, lass dich scheiden!“
Robert streichelte sie und versuchte seinen liebsten Blick. „Du weißt, was aus einer Heirat werden kann, schau mich an. Wollen wir uns zerstören? Wir werden ein Liebespaar bleiben, bis in alle Ewigkeit.“
„Bis ich dir nicht mehr gefalle“, sagte Irene und rutschte von seinen Knien.
„Meine Frau weiß von uns, sie tut nur so, als wüsste sie es nicht, sie wird sich niemals scheiden lassen, sie will verheiratet sein.“
„Bis in alle Ewigkeit?“, spottete Irene.
„Du sagst es. Wir werden das erste Liebespaar bis zum Tode sein.“
„Und wenn ich dich überlebe? Du weißt, Männer sterben früher, und ich lebe, im Gegensatz zu dir, sehr gesund, ich trinke nicht, ich rauche nicht.“
„Komm wieder zu mir, du Schöne“, sagte Robert. „Morgen sehen wir uns eine gemeinsame Wohnung an. Du wirst sie einrichten.“
„Und bezahlen?“ Irene weinte.
„Zur Hälfte bezahlen, mein Liebling, und in jeder freien Minute komme ich zu dir. Du wirst auf mich warten, es wird warm bei dir sein, wir werden trinken und uns für unsere Geduld belohnen. Sag, dass du mich liebst!“
„Ich sage das bestimmt nicht. Ich setzte dich in Kenntnis, dass ich noch einen Verehrer habe, der mich wirklich heiraten wird.“
„Wie heißt er, kenne ich ihn?“
„Du kennst ihn nicht. Er ist frei und wartet auf meine Zustimmung.“
„Ist er erfunden.“
„Weißt du, was du bist?“ Irene ging vor ihm auf und ab. „Du bist ein Tier. Du bist ein Tier, und was dich zum Menschen macht, sind nur deine Kleider.“
„Das Tier liebt dich“, sagte Robert und versuchte, Irene wieder auf seinen Schoß zu ziehen. „Jetzt im Ernst, meine Königin, meine Einzige, sag mir, wie heißt dieses Scheusal von einem Verehrer?“

Irene schüttelte ihre Haare. Sie glänzten, und er wusste, sie dufteten nach Mandarine, rochen viel besser als die Haare seiner Frau, die an Suppe erinnerten.
„Also doch erfunden.“
„Du wirst dich noch wundern“, flüsterte Irene.
„Ich hab dich nicht verstanden, sprich lauter! Was werde ich?“
„Ich gehe jetzt!“ Irene zitterte, aber nicht vor Kälte. Ich werde ihn umbringen, dachte sie, vergiften, das ist Frauenart zu morden. Ich vergifte ihn. Außer er heiratet mich.
„Komm, süße Schnecke, komm in mein Haus“, sagte Robert und zog sie wieder auf seinen Schoß. Sie wehrte sich, sprang auf, er fasste sie, sie wehrte sich und dann nicht mehr.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.