Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Vorstellungsvermögen

VN / 04.01.2022 • 17:00 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Der kleine König ist eine Königin. Ein blonder Haarschopf lugt frech unter dem Turban hervor und straft den aufgemalten schwarzen Bart Lügen. Macht nix. Solange sie nur das Weihrauchfass tüchtig an der Kette tanzen lässt, macht sie dem Balthasar alle Ehre. Und überhaupt: Wenn Anna ihr Lied singt und ihren Spruch aufsagt, dann ist sie Balthasar. Sie kann sich das so gut vorstellen.

Erwachsene sagen das oft: „Das kann ich mir gut vorstellen.“ Aber sie sagen es meistens dann, wenn sie sich etwas gerade nicht vorstellen können: den Schmerz eines Hinterbliebenen, die Gefühle eines Verängstigten, das mulmige Gefühl einer sich lange schon abzeichnenden Misere. Ich kann mir das gut vorstellen, sagen sie dann und drücken so Mitgefühl aus. Wie gut, dass keiner zurückfragt: Echt jetzt? Das Gespräch erstürbe in der Sekunde.

Die kleine Königin zieht weiter. Zur nächsten Haustür. Der Caspar, der ja auch kein Afrikaner ist, sondern ein Zweitklässler aus der Südtirolersiedlung, streicht ihr das Gewand glatt. Er kann die königliche Weggefährtin gut leiden. Als sie über ihren Rocksaum stolpert und das Weihrauchfass zu Boden fällt, kullern beinah Tränen über ihr Gesicht. Aber der Caspar heitert sie auf. Macht Faxen, klaubt die Kohle vom Boden auf. Ein Gentleman eben. Einer, der es sich gar nicht vorstellen kann, dass es der kleinen Königin an seiner Seite einmal schlecht ergehen soll.

Thomas Matt

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