Aktiv gegen Vereinsamung

VN / 19.05.2022 • 15:57 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
<p class="caption">Thomas Hebenstreit ist für die Initiative herz.com verantwortlich. <span style="font-family: VNPolarisWeb, &quot;Arial Narrow&quot;, sans-serif; font-size: 0.875rem; color: initial;"><span class="copyright">BI</span></span></p>

Thomas Hebenstreit ist für die Initiative herz.com verantwortlich. BI

Thomas Hebenstreit (51) von der PfarrCaritas ist in Satteins für die neue Initiative herz.com zuständig.

Satteins Thomas Hebenstreit von der PfarrCaritas liegen soziale Themen am Herzen. So ist der 51-Jährige, neben vielen anderen Aufgaben, seit März 2022 Koordinator des Projekts „herz.com“ in Satteins.

Was führte zur Gründung der Initiative herz.com?

HEBENSTREIT Corona und die viele Katastrophen der letzten Zeit haben es deutlich gezeigt: Man kann zwar Begegnungen verhindern und Spaltungen hervorrufen, die Sehnsucht nach einem wirkungsvollen Miteinander, nach Frieden und Gerechtigkeit bleibt dennoch eine große Triebfeder menschlichen Handelns. So verfolgt auch eine Caring Community – eine füreinander sorgende Gemeinde – das Ziel, Solidarität und soziale Beziehungen zu fördern, bereits vorhandene Hilfsangebote sichtbarer zu machen sowie neue Initiativen oder Angebote zu entwickeln.

In welchen Orten findet herz.com bereits statt?

HEBENSTREIT Mit unserer neuen vom Fonds Gesundes Österreich unterstützten Initiative herz.com möchten wir in den Regionen Kleinwalsertal, Satteins und Bregenz Maria Hilf Menschen dabei unterstützen, im Sinne einer „Caring Community“ aktiv zu werden und deren Bewusstsein für die Lebenssituationen und Nöte ihrer Mitmenschen zu stärken, die vielleicht nicht immer auf den ersten Blick „sichtbar“ sind. Denn es braucht eine ganze Gemeinde, um füreinander da zu sein, aufeinander zu schauen und gemeinsam Sorge zu tragen.

Welche Rolle spielt die Vereinsamung in unserer Gesellschaft?

HEBENSTREIT Eine immer größer werdende. Die Vereinsamung der Menschen ist ein schleichender Prozess, der sich meist unbemerkt vom sozialen Umfeld entwickelt. Einsamkeit betrifft Jung und Alt.

Hat die Distanz unter den Menschen im Rahmen der Covidpandemie zugenommen? Und wer ist in erster Linie davon betroffen?

HEBENSTREIT In der ersten Zeit und während der Lockdowns sicherlich. Das haben wir alle selbst schmerzhaft gespürt. Gerade Menschen im hohen Alter und auch junge Menschen waren und sind stark betroffen. Es ist offensichtlich, dass der Mensch ohne die Begegnung mit anderen Menschen seelisch verkümmert. In jedem wohnt die Sehnsucht nach Begegnung. Wir wollen gesehen und gehört werden.

Wie kann diesen leider unschönen Erscheinungen erfolgreich entgegengewirkt werden? Wie sehen Ihre Ansatzpunkte dafür aus?

HEBENSTREIT Die Grundbotschaft ist: Du bist nicht egal! Jede Gemeinschaft lebt von Menschen, die mit wachen Augen, Ohren und Herzen durch das Leben gehen, bewusst hinschauen und offen für die Herausforderungen und Schwierigkeiten ihrer Mitmenschen sind. Frauen und Männer, Jung und Alt, denen ein gutes Miteinander wichtig ist, und die ihre Fähigkeiten und Talente für andere einbringen sowie Menschen, die verschwiegen sind und die Vertrauen zu anderen aufbauen – die Initiative herz.com lebt von solchen Menschen. Sie führen Gespräche, nehmen die Themen und Anliegen auf und leiten diese je nach Wunsch und Bedürfnis an zuständige Stellen weiter.

Was soll herz.com sonst noch bieten?

HEBENSTREIT Herz.com braucht com.botschafterinnen und com.botschafter! Zusätzlich möchten wir Möglichkeiten schaffen, wo Menschen über alles sprechen können. Immer mehr Menschen leben allein, können nicht allzu oft über Herzensangelegenheiten sprechen. Eine Gemeinschaft, in der sich Menschen zu Hause fühlen, hat Orte, an denen dies möglich ist. Was tut meinem Herzen gut? Was berührt mein Herz? Was stärkt mich und mein Herz? In der com.herzenssprechstunde treffen sich Menschen, die sich austauschen und kennenlernen und über das reden möchten, was sie bewegt und ihnen auf dem Herzen liegt.

Aus welchem Grund ist Ihnen persönlich soziales Engagement wichtig?

HEBENSTREIT Es gab da als Jugendlicher und junger Erwachsener mehrere Schlüsselerlebnisse, sei es ein Film über Óscar Romero, Bücher über die Schrecken des 2. Weltkriegs, die Biografie von Franz Jägerstätter, eine Radiosendung über Bischof Kräutler, aber auch mein Zivildienst bei der Lebenshilfe. Ich wurde im Innersten getroffen und wollte mein Herz nicht vor dem Leid der Welt verschließen. Das führte mich schließlich in den Sozialbereich und diese Offenheit habe ich mir bis heute bewahrt.

Der Glauben spielt in Ihrem Leben eine wichtige Rolle. Werden Sie dadurch in Ihrer Lebenshaltung gestärkt?

HEBENSTREIT Ja sehr. Der Glaube an und das Erleben der bedingungslosen Liebe Gottes ist zentral in meinem Leben. Jesus gab uns ein neues Gebot: „Liebt einander! Daran werden alle erkennen, dass ihr mein Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (vgl. Joh 13, 34-35).

Sie arbeiten seit Dezember 2020 für die PfarrCaritas. Inwiefern sehen Sie den sozialen Gedanken innert der katholischen Kirche verankert?

HEBENSTREIT Die Caritas (Nächstenliebe) ist eine wichtige Säule der katholischen Kirche und überhaupt des Christentums. Die Nächstenliebe ist Kennzeichen des neutestamentlichen Christen, bzw. Zeichen glaubwürdigen Christseins. Das ist zentral in der katholischen Kirche. Wie es gelebt wird, hängt natürlich von jedem Einzelnen ab. BI

zur Person

Thomas Hebenstreit

Geboren 21. Juli 1970

Familie verheiratet mit Christine, vier Kinder (14, 16, 18 und 21 Jahre)

Wohnort Bludesch

Werdegang Acht Jahre bei der Österreichischen Post, Ausbildung zum Heilpädagogischen Fachbetreuer an der Lehranstalt für heilpädagogische Berufe Götzis, sieben Jahre Stiftung Jupident Schlins, insgesamt acht Jahre Caritas Vorarlberg, 14 Jahre Institut für Sozialdienste, seit Dezember 2020 bei der PfarrCaritas

Hobbys Pfarrliches Engagement, Lesen, Musik, Freundschaften pflegen, Familie, Bewegung in der Natur

Lebensmotto Nicht stehenbleiben, sondern sich weiterentwickeln.