„Es geht mir großartig“
Die junge Frau trägt dunkle Augenringe, die alle Schminke nicht übertünchen kann. Sie steht in einem dicken Knäuel aus Fahrgästen am Bahnsteig und ist doch ganz mit sich allein. Unablässig trommeln ihre Finger auf das Display des Smartphones. Ihr Blick irrlichtert übers Geleise. Das müde Gesicht steht in grobem Kontrast zu ihrer bunten, jugendlichen Kleidung. Sie sieht sich um, als suche sie Hilfe. Dann atmet sie tief und wählt. Irgendwo in der Welt klingelt es jetzt. Als sie im Waggon Platz nimmt, ertönt eine Stimme: „Hallo? Hallo!“
Die junge Frau telefoniert mit Videobild, wie das viele heute tun, und ohne Kopfhörer. So wird der ganze Waggon unfreiwillig Zeuge des Gesprächs, das im Wesentlichen sie allein bestreitet. Wie anders sie jetzt wirkt! Überlaut spricht sie, überhastet die Sätze in einer Sprache aus dem Osten, lacht in einem fort, unterstreicht ihre Worte mit ausladenden Gesten. Manchmal klingen deutsche Ausdrücke durch wie „Urlaub“ und „Freizeit“. Wer immer ihr da zuhört – sie erzählt ihm aus einem offensichtlich großartigen Leben.
Die ganze Fahrt über redet sie. Sie gurrt und schüttet sich aus vor Lachen. Der Vorhang fällt erst in der Ankunftshalle. Überschwänglich verabschiedet sie sich mit gehauchten Küssen und heiligen Schwüren, bald wieder anzurufen. Dann legt sie auf. Ihre Miene erstarrt. Sie bleibt stehen, abermals ganz allein im Gewusel der Fahrgäste. Dann gibt sie sich einen Ruck und verschwindet in einem der verwahrlosten Hauseingänge.
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