Das Gefühl, als Frau versagt zu haben: Statt einer natürlichen Geburt gab es einen Not-Kaiserschnitt

VN / 11.03.2026 • 09:00 Uhr
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Anne musste nach ihrer ersten Geburt viel aufarbeiten. VN/JUN

Alles war vorbereitet – und doch lief nichts nach Plan. Nach einer dramatischen ersten Geburt blieb bei Anne mehr als nur Mutterglück zurück. Erst nach fünf Jahren war sie bereit für ein zweites Kind.

Anne (Name von der Redaktion geändert) denkt an ihre erste Geburt mit gemischten Gefühlen zurück: Neben Freude und Mutterglück kommen auch tiefer seelischer Schmerz und das Gefühl des Versagens hoch.

Sie hatte sich perfekt auf die Geburt vorbereitet: Ratgeber gelesen, einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, Yoga gemacht und sich zwei Hebammen organisiert. Trotz aller Vorbereitung lief nichts nach Plan. Schon der Beginn war überraschend – die Geburt startete drei Wochen zu früh.

„Die Geburt ging los und mein Mann war nicht da“

Ihr Mann Simon (Name von der Redaktion geändert) war zum Zeitpunkt des Blasensprungs beruflich im Ausland. Am Vormittag war Anne noch zur Kontrolle im Spital gewesen – nichts deutete darauf hin, dass ihr Kind bald zur Welt kommen würde. Am Abend telefonierten die beiden noch kurz, bevor Simon – nichts ahnend – sein Handy ausschaltete. Als Anne gerade ins Bett gehen wollte, platzte die Fruchtblase. Sie fuhr allein ins Spital. Da die Wehen noch nicht eingesetzt hatten, wurde sie wieder nach Hause geschickt. Dort rief sie ihre Schwester an, die umgehend kam. Erst am Morgen meldete sich Simon. „Die Geburt ging los und mein Mann war nicht da.“ Anne war besorgt. Es blieb ihm aber noch genügend Zeit, um heimzukommen, denn erst nach eineinhalb Tagen wurde die Geburt eingeleitet.

Ein Schockmoment

„Es war aufregend“, erinnert sich Anne. Die Hebamme war anwesend, die Wehen setzten ein und wurden immer stärker. Dann kam der Hebammenwechsel – ab diesem Moment wurde es hektisch. „Irgendetwas stimmte nicht“, erzählt sie. Bei einer starken Wehe können die Herztöne des Kindes kurzzeitig abfallen, doch dass sie sich so langsam erholten, war besorgniserregend. „Die Ärzte wollten den Kopf des Babys anbohren.“ Für Anne war das ein Schockmoment – gleichzeitig wurde von einem Kaiserschnitt gesprochen. Sie hatte sich so sehr eine natürliche Geburt gewünscht. Obwohl sie nie einen Kaiserschnitt wollte, wusste sie, dass sie in diesem Moment keine andere Wahl hatte. Die Ärzte entschieden sich für einen Not-Kaiserschnitt. Der Kopf des Babys hatte sich im Geburtskanal verkantet. „Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist. Es war alles laut und hektisch um mich herum.“

Dann war das Baby da. Acht Minuten lang lag ihr Sohn auf dem Tisch, während die Ärzte seine Atmung überprüften. „Mein Körper hat vor lauter Stress gebebt. Das ging alles zu schnell“, erinnert sich Anne zurück. „In mir hat es geschmerzt. Es war ein körperlicher und ein seelischer Schmerz“, sagt sie. Die Frau sei dazu gemacht, Kinder auf die Welt zu bringen, „aber es hat bei mir nicht funktioniert“. Anne hatte nach der Geburt gemischte Gefühle. Einerseits freute sie sich über ein gesundes Kind, andererseits saß der Schmerz tief, als Frau versagt zu haben.

Therapeutische Hilfe

Mit der Psychotherapeutin Daniela Mittermayr-Zech arbeitete Anne mehrere Traumata auf. Auch ihr Mann Simon wurde in die Therapie einbezogen, denn für ihn war die Geburt schwer mitanzusehen. Neben der Freude über ihr Kind empfand Anne vor allem Angst, Hilflosigkeit und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. „Nach fünf Jahren war ich wieder bereit für ein Kind – und keinen Tag früher“, betont Anne.

Für die zweite Geburt war ihr klar, dass sie mit Triggern rechnen musste: die Ärzte, die Hebammen, der Geruch im Spital. „Eine Hebamme hat uns in Empfang genommen. Sie war sehr nett.“ Doch sie war eigentlich nicht im Dienst und konnte nicht durchgehend anwesend sein. „Der Hebammenwechsel hat mich am meisten getriggert“, erzählt Anne. Simon übernahm das Gespräch und klärte die Hebamme über Annes Vorgeschichte auf. Diese meinte daraufhin, dass sie genau die Richtige für die beiden hätte.

„Claudia war der Wahnsinn“, schwärmt Anne. „Ohne ihre Hilfe wäre die Geburt nicht so gut verlaufen.“ Sie begleitete Anne ruhig und achtsam durch die Geburt. So konnte Anne schließlich eine natürliche Geburt erleben, die ihr Heilung und innere Stärke schenkte.