Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Autostopp

VN / 11.11.2025 • 14:14 Uhr

In der Mittwochsrunde trafen sich Frauen, die sich schon lange kannten. Sie erzählten, was sie bedrängte und was sie loswerden wollten. Man hörte einander zu.

An diesem Tag war eine Frau an der Reihe, die als Mädchen stolz ausgesehen hatte, vielleicht wegen ihrer Größe und ihrer geraden Haltung. Niemand wusste, was für ein Leben sie zurzeit führte.

„Immer habe ich Autostopp gemacht, das war so praktisch, man kam als Mädchen überall hin. So lange stoppte ich, bis ich es nach dem, was ich euch erzählen will, bleiben ließ. Es war kurz vor den Sommerferien. Wieder einmal war ich spät dran, der Zug in die Schule war weg, ich stellte mich an die Straße und wurde sofort von einem  Mann mitgenommen. Er redete verschlafen, roch nach Rasierwasser. Ich sagte nichts. Er fuhr von der Schnellstraße ab und direkt zum alten Rhein.  Dort zerrte er mich aus dem Auto und trieb mich vor sich her, bis hinein ins Gestrüpp. Er warnte mich, sollte ich schreien, würde er mich erschießen. Ich sah keine Pistole, schaute mich nach einem Fluchtweg um, hatte Angst, aber erst nur ein wenig. Dann aber riss er mich nieder, ich schlug ihm mein Knie in den Bauch und biss ihn in die Hand. Wir fielen beide um und landeten nebeneinander im Gras. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen. Er zog sich eine Zigarettenpackung aus der Hose, es waren die gelben Mary Long aus der Schweiz, und zündete sich zwei Zigaretten an, eine für mich, eine für ihn. Er sagte, wenn ich keinen Stress mache, ist alles gleich vorbei, und er fährt mich in die Schule. Es gelang mir aufzustehen, aber gleich riss er an meinem Arm, und wieder lag ich neben ihm. Er drückte die glühende Zigarette viermal in meinen linken Unterarm.

Wie ich mich befreite, weiß ich nicht mehr. Ich rannte los, ich dachte an meine Schultasche auf dem Rücksitz seines Wagens. Rannte bis zur Hauptstraße, hielt mit hohen Armen einen Bus auf und fuhr nach Hause. Ich hatte den Haustürschlüssel in meiner Schultasche. Ich sah durch das Fenster meine kleine Schwester im Laufstall. Sie schrie und warf die kleinen Fäuste gegen das Gitter. Meine Mutter war nicht zu Hause. Typisch, sie hat es eilig irgendwohin und denkt nicht an ihr Kind. Ich schlug ein Kellerfenster ein und kletterte ins Haus.

Ich hielt meinen Arm unter das kalte Wasser, dann klebte ich Pflaster auf meine Wunden. Ich schluckte fünf Aspro, holte meine Schwester aus dem Laufstall und legte mich mit ihr ins Bett, so als könnte sie mich beschützen. Sie klammerte sich an mich und rieb ihr nasses Gesicht an meinem. Einen Tag später lag meine Schultasche  vor der Haustür.“

Die Frau zeigte ihre Narben auf dem linken Unterarm. Als wollte sie damit angeben. Die Mittwochsrunde wollte die Narben sehen.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.