Streiflicht: Mit offenen Augen

VN / 23.12.2025 • 16:45 Uhr
Streiflicht: Mit offenen Augen

Früher wuchs die Vorfreude auf den Weihnachtsabend täglich. Mutters Hand bewegte Hirten und Herde in den Nächten des Advents zur Krippe. Schritt für Schritt meisterten sie den Weg übers Parkett. Sie rasteten am Fuß der Stehlampe und trieben die Schafe über den Teppich. Am Abend des 24. Dezember erreichte die kleine Prozession ihr Ziel.

Wie durch ein Wunder saßen Maria und Josef nicht mehr allein vor der strohgedeckten Futterkrippe. Dort lag das Neugeborene und breitete die Arme weit, als habe es Besuch erwartet. Der Engel, dem ein Stück Draht das Schweben in den Dachsparren der Krippe erleichterte, gab seinen Segen dazu.

Die Krippe war erleuchtet. Dahinter lag alles im Dunkeln. Zu Dreikönig würde der Staubsauger beseitigen, was sich im Dämmer angesammelt hatte. Hier kommt Johann Baptist Metz ins Spiel. Der Vater der politischen Theologie fragt: Dürfen wir das Fest der Freude feiern mit dem Rücken zum Leid? Lehrt christliche Freude nicht, Ja zu sagen, obwohl es so viel Negatives in der Welt gibt? Nicht als kritiklose Zustimmung, sondern als Bereitschaft, dafür einzutreten, dass auch das Leben der anderen lebenswert wird. Das gelingt freilich nicht mit verklärten, sondern nur mit wachen, offenen Augen.