Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Es beginnt mit Frauenverachtung

Politik / HEUTE • 07:15 Uhr

Nein, wenn eine Frau von einem Mann ermordet wird, ist das kein „Eifersuchtsdrama“ und keine „Beziehungstat“, das sollte allen in einer aufgeklärten Gesellschaft klar sein. Wenn ein Verdächtiger verurteilt wird, spricht man von Frauenmord oder Femizid. Jede andere verharmlosende Bezeichnung wäre ein Hohn. Krankhaftes Besitzdenken, gekränkte Liebe oder Probleme in einer Beziehung sind keine Erklärungen für Verbrechen. Expertinnen und Experten im Gewaltschutzbereich sehen häufig eine tiefe Frauenverachtung bei Tätern, die im Extremfall zum Mord führen kann. Zumeist von Männern aus dem Umfeld begangen, oft Ex-Partner, Ehemänner, männliche Familienmitglieder. Männer, die vielfach auch verbindet, dass sie nicht gelernt haben, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Und diese Verbrechen wiederholen sich in Österreich leider immer wieder. Jetzt ist das Land kollektiv entsetzt, weil alleine zu Jahresanfang schon zwei getötete Frauen in der Opferbilanz zu verzeichnen sind. In Niederösterreich soll ein Mann seine Lebensgefährtin erdrosselt und in einem Erdkeller versteckt haben. Nach der Anzeige durch einen Bekannten zeigte sich der Verdächtige laut Polizei kooperativ und führte die Beamten zu dem Leichnam. In der Steiermark hat ein Cobra-Beamter gestanden, dass eine junge Fitnesstrainerin, mit der er sich mehrfach traf „in einem Vorfall, in dem er beteiligt war“, zu Tode gekommen sei. Danach habe er sie in einem Waldstück vergraben.

Jede fünfte Frau

Mit weiteren höchst unangenehmen Schilderungen in manchen Medien ist zu rechnen. Wenn Frauen ihr Leben verlieren, ist es allerdings völlig irrelevant, ob sie vielleicht zu wenig brav, zu wenig gehorsam waren. Es ist unerheblich, wie sich Frauen kleiden, wie sie sich benehmen und was sie zu einem Mann sagen. Oder ob sie einen „ungezwungenen Lifestyle“ pflegen, wie tatsächlich auch berichtet wird. Relevant ist, dass 20 Prozent der Frauen in Österreich – also jede fünfte – laut statistischen Erhebungen ab ihrem 15. Lebensjahr von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen sind.

Gewalt in Beziehungen fängt oft lange vor einem finalen Verbrechen an: Finanzielle Abhängigkeit, psychische Gewalt, Herabwürdigung, bis hin zu körperlichen oder sexuellen Angriffen. Präventionsarbeit und breite Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft sind daher neben Gesetzesverschärfungen wichtige Grundlagen, um die Verhältnisse nachhaltig zu verbessern. Und es geht auch darum, jene Männer anzusprechen, die nicht in patriarchalen Denkmustern gefangen sind – sie können gute Verbündete im gemeinsamen Kampf gegen die Gewalt sein, die uns alle angeht.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.