“Wäre schlecht beraten, alles auf den Kopf zu stellen”

Sport / 18.01.2026 • 12:49 Uhr
"Wäre schlecht beraten, alles auf den Kopf zu stellen"
Ognjen Zaric will seine Handschrift hinterlassen, aber auf den richtigen Zeitpunkt warten. VN-Stiplovsek

Altachs Neo-Trainer Ognjen Zaric über harte Arbeit, taktische Adaptionen – und, wie er fast bei Austria Lustenau gelandet wäre.

Wien Über der Seestadt Aspern hängt der Nebel, Schneereste liegen am Asphalt. Von der U2-Station geht es nach links zum ÖFB-Campus, dem Vorzeigeprojekt des Fußballbunds. Rechts geht es in die Seestadt, ein Vorzeigeprojekt der Stadt Wien. Links trainiert der SCR Altach während des Trainingslagers, rechts hat er im Hotel von Hauptsponsor Dormero sein Lager aufgeschlagen. In der Lobby haben es sich ein paar Spieler gemütlich gemacht, hinter der Hotelbar hängt ein eingerahmtes Trikot mit allen Unterschriften, davor ein Wimpel. Während des Gesprächs mit Trainer Ognjen Zaric schlendern Lukas Jäger und Co. vorbei, den freien Nachmittag verbringen sie in der Hauptstadt. Zaric ist gut gelaunt, den Schweizer Akzent kann er nicht verstecken. “Wenn die Kinder so reden, übernimmst du das automatisch”, sagt er.

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Sie waren ein Jahr ohne Verein, haben jetzt die ersten Trainings und das erste Testspiel hinter sich. Was hat Ihnen am meisten gefehlt?
Mir macht es Spaß, mit Menschen zu arbeiten. Zum einen hat mir das sicher gefehlt. Und zum anderen vermisst du als Trainer natürlich auch, am Platz zu stehen, Inhalte zu vermitteln.

In der ersten Ansprache, die Sie an die Mannschaft gerichtet haben, haben Sie erklärt: “Ich bin nicht euer Feind.”
Genau. Weil ich die Arbeit schätze, die Fabio Ingolitsch hier gemacht hat, wollte ich ihnen sagen, dass wir darauf aufbauen wollen. Ich möchte Dinge, die gut gelaufen sind, mitnehmen und auch ein Stück weit schauen: Wo gibt es Parallelen, wie ich Fußball sehe, wo möchte ich Dinge adaptieren? Aber die Situation ist ja so, dass der Trainer weggekauft wurde. Das ist nicht der klassische Trainerwechsel, wo reagiert wird, weil es nicht läuft und du darum kommst. Deshalb habe ich die Worte so gewählt.

"Wäre schlecht beraten, alles auf den Kopf zu stellen"
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Ihr Name war in Vorarlberg nicht wirklich bekannt, auf Social Media konnte man eine gewisse Skepsis vernehmen. Tangiert Sie das?
Das habe ich mir ehrlicherweise gar nicht angeschaut. Ich kann mich noch gut erinnern: Im UEFA-Pro-Lizenz-Kurs hat Adi Hütter im Medienmodul über seine negativen Erfahrungen referiert. Ich glaube, das ist ja generell ein soziales und mediales Thema: Du gewinnst zwei Spiele, dann kippt es, du verlierst zwei Spiele. Man ist als Trainer und Führungspersönlichkeit in beiden Extremen sehr gut beraten, auf solche Kommentare gar nicht so viel Wert zu legen.

Sie haben lange im Nachwuchs gearbeitet. In Winterthur hatten, in Altach haben Sie die älteste Mannschaft der Liga. Wie ändert das Ihre Herangehensweise?
Die Struktur des Kaders ist so, wie sie ist, aber ich habe das Gefühl, dass die Spieler hier ein super Mindset und eine extreme Fitness haben. Klar, die Daten und die Statistik kenne ich auch. Wir haben uns als Verein schon vorgenommen, dass wir die Mannschaft ein Stück weit verjüngen und Spielern aus Vorarlberg die Chance geben, beim SCR Altach den Schritt in den Profifußball zu machen.

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Also wollen Sie Ihre Erfahrung in dem Punkt einbringen.
Definitiv. Ich habe megainteressante Spieler begleiten dürfen, unter anderem Karim Adeyemi. Beim FC Basel haben wir eine Truppe mit vielen Nationalspielern gehabt, davor in der U18 hat meine Mannschaft den Stamm der Schweizer U-Nationalmannschaft gestellt. Ich glaube, da bringe ich sehr viel Expertise mit. Ich weiß, dass die Jungs ready sein müssen, die müssen dann performen. Aber wir wollen die Tür öffnen und das werden wir. Es ist aber auch klar, dass du nicht “Klick” machst und es funktioniert.

Wenn man Ihren Namen googelt, stößt man relativ rasch auf Übungsvideos auf YouTube.
Mich sprechen tatsächlich sehr viele Leute darauf an. Das war in der Anfangszeit meiner Trainerkarriere, wo wir viel individuell gearbeitet haben, eine brutal lehrreiche Zeit für mich. Ich war mir damals natürlich nicht bewusst, was das für eine Reichweite nimmt. Ich bin jetzt zehn Jahre älter, finde es aber fürs Individualtraining nach wie vor gut. Aber tatsächlich habe ich lange nicht mehr reingeschaut – nur, wenn mir jemand die Videos mal wieder schickt.

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Sie haben betont, sich jeden Schritt in Ihrer Karriere erarbeitet haben zu müssen. Inwiefern ist das etwas, das Sie Ihr ganzes Leben schon begleitet? Sie sind ja mit vier Jahren aus Jugoslawien nach Tirol gekommen.
Ich schneide das nie an, weil ich das nicht nutzen will. Aber sicher, das ist ein emotionales Thema: Ich bin eigentlich ein Flüchtlingskind des Jugoslawienkriegs. Als mein Vater hierhergekommen ist, hat er die ersten Nächte auf Parkbänken übernachtet. Und natürlich weiß ich das. Mir hat aber nie etwas gefehlt, ich bin Österreich dankbar. Ich habe als kleiner Bub in zwei Monaten Deutsch gelernt, weil meinen Eltern sehr wichtig war, dass ich schnell integriert bin. Sie haben hier natürlich nicht die Berufe ausgeübt, die sie gelernt haben. Ich habe aber am Beispiel meiner Eltern gesehen, dass man sich im Leben vieles erarbeiten muss und arbeiten kann. Ich habe gewusst: Wenn du ein gutes Mindset hast, mehr arbeitest als andere, dann kannst du Dinge erreichen.

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VN-Stiplovsek

Sie haben nie auf Profiebene gespielt. Wie war der Spieler Ognjen Zaric?
Der war ein guter Nachwuchsspieler, die Nachwuchsarbeit in Kufstein war damals super. Aber ich habe relativ rasch gemerkt, dass es für mich auf Profiebene nicht reichen wird. Ich wollte Matura machen, studieren. Meine Idee war es, Rechtsanwalt zu werden.

Wieso eigentlich?
Ich wollte nichts machen, wo ich keinen Kontakt mit Menschen habe. Ich habe mir gedacht, als Rechtsanwalt passieren ständig neue Sachen, die du lösen musst. Ein bisschen wie heute die Trainerarbeit: wiederkehrende Muster, trotzdem brauchst du Lösungen. Der erste Studienabschnitt war cool, dann wurde es schon sehr theoretisch. Parallel dazu hat sich die Trainerkarriere so schnell entwickelt, was ich nie gedacht hätte. Dann habe ich komplett geswitcht.

Haben Sie nicht an das Risiko gedacht? Eine Trainerlaufbahn ist keine allzu sichere Perspektive.
Wenn man rational denkt, ja. Ich habe mir gedacht: Den Mutigen gehört die Welt. Ich habe dabei mehr Chance als Risiko gesehen.

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Doch kein Anwalt: Zaric entschied sich für die Trainerlaufbahn. VN-Stiplovsek

Wie wäre der Spieler Ogi Zaric mit dem Trainer Ogi Zaric zurechtgekommen?
Immer gut, glaube ich, weil ich sehr reflektiert war. Das ist eine Eigenschaft, die heute auch sehr wichtig ist für einen Fußballer, das Einflussfeld ist megagroß. Ob das Social Media oder Fernsehen ist, der Berater, die Familie, Individualtrainer. Ich glaube, sie meinen es alle eigentlich gut mit einem. Aber wenn dann halt von zehn Einflüssen acht verschieden sind, dann ist es nicht gut. Und deshalb glaube ich, ist Reflexion für Spieler extrem wichtig. Und ich glaube auch, dass es heute fast unmöglich ist, dass du Qualitäten eines Spielers nicht erkennst. Da ist zum einen natürlich das subjektive Auge, aber es gibt auch objektiv so viele Daten, dass am Ende jeder Spieler auch seine Leistung realistisch und gut einordnen kann. Trotzdem bleibt der Fußball auch irgendwo Bauchgefühl.

Sie haben Daten angesprochen: Wie kommen Sie mit dem Begriff Laptoptrainer klar?
Ich assoziiere es überhaupt nicht negativ, das ist ein Part des Trainerjobs. Ein Spieler, der eine Akademie oder ein Nachwuchsleistungszentrum durchläuft und dort konfrontiert ist mit Daten, mit Videos, mit Vorbesprechung und Nachanalyse – dem nicht mehr diesen Input geben zu können, erfüllt das Trainerprofil heute nicht mehr.

Bei Ihrer Vorstellung war immer wieder das Thema, dass Sie den Fußball ähnlich sehen wie Ihr Vorgänger. Man will als Trainer aber seine Ideen einbringen, eigene Reize setzen. Wie managt man das?
Ich wäre schlecht beraten, wenn ich sage, die Idee ist implementiert, der Kader entsprechend zusammengestellt – und ich stelle alles auf den Kopf. Natürlich habe ich meine eigene Idee von Fußball, die Sachen, die ich ein Stück weit anders sehe, die will ich integrieren. Aber wir müssen schauen, wann der passende Moment dafür ist. Und ich glaube auch, dass der Fußball heute bei vielen Trainern so viele Parallelen hat, da weichen Details ab.

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Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, in Phasen mehr Dominanz auf das Spiel ausüben zu können, am Ball mehr Ideen zu haben. Ist der klassische “Red-Bull-Fußball” überholt?
International ja. Und trotzdem ist es so, dass in der österreichischen Bundesliga viele Elemente dieser Idee ihre absolute Berechtigung haben, sie haben ja über viele Jahre Erfolg gebracht. Im Idealfall behalten wir die DNA maximal bei und schaffen es, dass wir aus dem Ballbesitz für uns Räume finden, wo wir mehr Struktur, mehr Klarheit, mehr Dominanz haben, dadurch der Gegner wieder ein Stück weit anlaufen muss und nicht wir.

Als im Winter 2023/24 Austria Lustenau einen Trainer gesucht hat, ist Ihr Name kursiert. Hat es damals Kontakt gegeben?
Das ist richtig.

Warum ist nichts daraus geworden?
Wir hatten Kontakt, die Tabellensituation war aber aussichtslos. Ich war damals beim FC Winterthur unter Vertrag (als Co-Trainer, Anm.), Austria Lustenau hat mir signalisiert, dass sie im Sommer die Spielidee komplett ändern werden. Sie haben mich im späten Frühling noch einmal kontaktiert, da ist Mirco Papaleo Sportchef geworden. Wir sind zusammengesessen, es hat darauf hingedeutet, dass ich in Lustenau lande. Wie der Fußball so ist, kam dann Winterthur (Anm. d. Red.: Zaric wurde Cheftrainer), ich habe mich für sie entschieden. Das war damals, glaube ich, auch für Mirco verständlich.

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Sie haben dieser Tage Geburtstag gefeiert. Ich könnte mir vorstellen, ein Geburtstag im Trainingslager, mit der neuen Mannschaft – da hat es auch schon wildere Geburtstagsfeiern gegeben in Ihrem Leben. Wie war es?
Schon speziell. Es gab Kuchen, wir waren gemeinsam Abend essen und bowlen. Dadurch, dass wir das Teamevent hatten, war es ein netter Abend. Es ist aber auch so, dass wir erst ein paar Tage zusammen sind, noch keine Höhen und Tiefen gemeinsam durchlebt haben. Das Feeling, das man sich spürt, das braucht ja immer etwas Zeit. Aber es war eine große Wertschätzung spürbar.

Wie muss denn die Saison verlaufen, damit gscheit gefeiert wird?
Ich glaube, das Entscheidende wird sein, dass wir bei der Realität bleiben. Wenn wir safe sind, dann werden wir feiern. Und wenn das ein paar Wochen früher passiert, dann feiern wir ein paar Wochen früher. Mittel- und langfristig ist klar, dass wir den Klub weiter nach vorne bringen wollen. Das ist aber immer ein Thema im Fußball, das nie gern gehört wird: Dass du dafür, um junge Spieler zu implementieren, um Ideen zu verwirklichen, Zeit brauchst. Das hat man beim Fabio gesehen. Und deshalb für die Saison: so früh wie möglich mit nächster Saison Bundesliga planen können.