Kolumne: Lass doch mal dein Haus rülpsen!

Das Verhältnis zwischen Europa und Amerika ist ja momentan eher, wie soll man sagen, unterkühlt. Wenn man sich die Nachrichten anschaut, scheint es augenblicklich nicht viel zu geben, was die Amerikaner an den Europäern schätzen. Oder was sie von ihnen lernen wollen.
Außer einer Sache, die gerade durch die US-Medien weht: House burping. Das bedeutet so viel wie Haus-Rülpsen. Denn die Amerikaner entdecken gerade eine ungewöhnliche uralte europäische Tradition, die dortzulande bislang komplett unbekannt war. Ein völlig unübliches und irrtierendes Ritual, das jetzt immer mehr Amerikanerinnen und Amerikaner ganz verwegen auch bei sich daheim ausprobieren: lüften. Fenster oder Türen mutig für ein paar Minuten öffnen und frische Luft hinein- und abgestandene hinauslassen.
Ja, das habe ich zuerst auch nicht geglaubt, ist schon 1. April? Aber letzte Woche erfuhr ich in Beiträgen auf NBCnews, im US-„Guardian“ und mehreren amerikanischen Lifestyle-Magazinen von dieser in Amerika weitgehend unbekannten Gewohnheit des Lüftens. Die „Washington Post“ fragte „Stinkt ihr Haus?“ und lieferte gleich die Lösung: „Probieren Sie mal, es rülpsen zu lassen“, auf deutsch: Lüften Sie doch mal. Waaaas? Bei jedem Wetter? Da kommt doch kalte Luft herein? Ist das nicht verschwenderisch und vielleicht sogar gefährlich?
Es ist so lustig, dass eine vollkommen logische Gewohnheit, die in unserem Kulturkreis quasi in der Genetik jedes Kindes eingeschrieben ist, in einer Nation von 347 Millionen Einwohnern bisher keinem eingefallen ist: Wie einfach es ist, einen Raum von schlechten Gerüchen und verbrauchter Luft zu befreien, in dem man ein Fenster oder eine Tür aufreißt.
Erst jetzt lernt man in Amerika die simple Weisheit, dass Lüften die Luft erfrischt, die Feuchtigkeit in Wohnräumen senkt und so gegen Schimmel wirkt, und wie es die Konzentration gefährlicher Gase verhindert, die beim Heizen entstehen können .
Aber offenbar hat es dort das oberste Priorität, warme Luft vor kalter zu beschützen, und damit, verständlich, Wärmeverluste zu vermeiden und die Heizkosten im Griff zu behalten. Was allerdings, wenn man mehrmals am Tag kurz durchlüftet, kein Problem ist, solange die Mauern nicht auskühlen. Fenster kippen ist deshalb nur im Sommer sinnvoll – was in den USA aber ohnehin kein Thema ist, weil das Kippfenster dort so unüblich ist wie das Lüften selbst.
Wir dürfen gespannt sein, wie die Amerikaner darauf reagieren werden, wenn sie erfahren, dass auch etwas derartiges wie Querlüften existiert. Gleich zwei Fenster aufmachen?? Und damit einen Durchzug erzeugen, der die Luft sturmartig durch die Räume treibt?!? Ich bin schon gespannt, wie die Amis das dann nennen werden: Indoor-Tornado vielleicht; oder Haus-Zyklon.