Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Kolumne: Heimweh vertreiben am Wiener Brunnenmarkt

VN / 10.02.2026 • 06:00 Uhr

Schon öfter habe ich hier erwähnt, dass ich in Wien beim Brunnenmarkt wohne und wie sehr mir das gefällt. Der Brunnenmarkt ist Europas längster ständig geöffneter Straßenmarkt: 700 Meter lang reihen sich die Marktstände von der Thaliastraße bis zum Yppenplatz. Seit neuestem gibt es auf der Linie 2 endlich auch eine Straßenbahnhaltestelle namens „Brunnenmarkt“, was, wenn man bedenkt dass die Anfänge des Brunnenmarkts irgendwo im 19. Jahrhundert liegen, wirklich höchste Zeit war.

Wenn man dort aussteigt und in den Brunnenmarkt einbiegt, ist das ein bisschen wie in den Urlaub fahren: Man taucht schlagartig in eine laute, wurlige, mediterrane Welt ein, eine Welt in der es orientalisch duftet und einen viele verschiedene Sprachen umwehen. Man wird um einen kleinen Betrag satt mit fantastischem Streetfood: Shawarma aus Huhn oder Lamm, dem besten Hummus, mit Lahmacun und Manakish. Es gibt heiße knusprige Falaffel, Kebabspieße frisch gegrillt, oder frisch am Stand gebackenes Fladenbrot, gefüllt mit pikanten orientalischen Spezialitäten oder, so aß es mein Freund Hugo unlängst, mit Nutella. Magsch an Biss? Gottswilla nein, auf keinen Fall, vielen Dank.

Am Brunnenmarkt und seinen Imbissständen stillen viele ihr Heimweh, syrische, türkische, iranische oder libanesische Familien – und gebürtige Vorarlberger wie Hugo und ich, die wir schon seit Jahrzehnten in Wien zuhause sind. Denn ein Stückl weiter, gleich bei der Lokanta-Oase, gibt es beim Käseparadies-Stand von Azmi Ersoy und seinen Söhnen nicht nur eine große Auswahl an Nüssen und Oliven, den würzigsten Zopfkäse und den cremigsten Feta. Gestern habe ich mir dort ein Stück von einem kräftigen Berg-Tilsiter gegönnt, und damit ein bisschen alte Heimat geschnuppert, denn der Käse kommt aus Nüziders. Wenn Hugo für seine Jassrunde Kässpätzle macht, dann weiß er, dass es dort, beim anatolischen Käsehändler, von Montag bis Samstag zuverlässig einen Surakäs aus der Sennerei Schnifis gibt, einen ordentlichen Räskäs und verschiedene Sorten Bergkäse, zwischen neun und 26 Monaten gereift, aus dem Walsertal oder aus dem Bregenzerwald. Samstag Vormittag steht auch noch der Stephan von kaes.at mit seinen Käsen am Yppenplatz-Bauernmarkt, dann ist mitten in Ottakring das Vorarberger Käseglück komplett.

Vielleicht wohne ich auch deshalb so gerne dort am Brunnenmarkt: Weil sich so viele Kulturen an diesem Ort so freundlich und unkompliziert mischen. Und weil es dort eine Nachbarschaft gibt wie in einem Vorarlberger Dorf: Wenn man vorbeischaut, kriegt man ein Getränk in einem kleinen Glas angeboten: Nein, keinen Schnaps, sondern Chai, süßen Schwarztee. Danke, sehr gern, so eine Kälte immer noch.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.