Keine Gnade dem Braten

Wie fünf Dornbirnerinnen eine alte Faschingstradition lebendig halten.
Dornbirn Kurz vor Mittag liegt in der Hatler Schützenstraße eine besondere Spannung. Es ist Donnerstag, genauer gesagt “gumpiger Donnerstag”, und fünf Frauen haben einen perfiden Plan ausgeheckt. Das Quintett, das sich eigentlich als gesellige Jasserrunde bzw. als Lehrerkolleginnen kennt, schleicht als Panzerknacker verkleidet entlang der Hauswand. Statt eines Bankraubs haben sie ein ganz anderes Objekt im Visier – den Braten im Rohr von Marita Aberer.

Seit fünf Jahren ziehen die Fünf am gumpigen Donnerstag los, um das zu tun, was zu diesem Tag unbedingt gehört: einen Braten stehlen. An besagtem Donnerstag beginnt die eigentliche Fasnat. Das Wort “gumpiger” kommt vom mittelhochdeutschen Wort “gumpeln” für Possenreißen. Die Bezeichnung “schmutzig” rührt daher, dass früher an diesem Tag die beliebten “Küachle” aus heißem Fett (Schmutz) herausgebacken wurden.

Nachbarin wurde zuvor eingeweiht
Der Plan ist ebenso schlicht wie raffiniert. Nachbarin Renate Hagen (die zuvor instruiert wurde) übernimmt die Rolle des Lockvogels. Mit einem harmlosen Vorwand bittet sie ihre Freundin Marita Aberer in ihre Wohnung. Währenddessen steigen die Bratenräuberinnen über die Balkontür – die im Vorfeld heimlich von Renate Hagen mit ihrem Zweitschlüssel geöffnet wurde – in die Küche der Bestohlenen. Dass sie hier genau richtig sind, verrät schon die Haustür, die üppig mit Clowns geschmückt ist. Hier lebt eine “Maschgrarä” mit Leib und Seele. Und eine hervorragende Köchin, wie der Duft aus dem Backofen verrät.

Familientradition im Hause Aberer
Aberer, die dem Fasching seit Kindertagen verbunden ist, ahnt nichts. “Ich komme aus einer Familie, wo diese Tradition gelebt wurde, und es gab immer einen Braten – manchmal sogar einen Ersatzbraten, falls einer gestohlen wurde”, erzählt sie später. Davon hat auch die Panzerknackerbande gehört, deshalb sind sie heuer bei ihr gelandet. Dieses Jahr hat sie zwar keinen zweiten vorbereitet – macht aber nichts. Der Diebstahl gehört dazu, und die Räuberinnen erweisen sich als sehr großzügig.

Der Braten verschwindet still und heimlich, dafür bleibt ein Blumenstöckchen zurück. Die Botschaft ist eindeutig: “Herzliche Einladung zum gemeinsamen Bratenessen in den Oberen Kirchweg”, heißt es darauf. Marita Aberer beweist Humor, zieht sich schnell um und folgt der Einladung. Wenig später sitzt sie mit den Diebinnen an einem Tisch, der Braten dampft, dazu gibt es traditionell “Sure Räba und Haferloab”, wie es sich im Ländle gehört. Zusammen verspeist die lustige Runde die Köstlichkeit. Es wird gelacht und ganz unbekannt sind die Räuberinnen Marita Aberer natürlich nicht.


Bei Kaffee, Kuchen, Sekt und viel Gelächter klingt der gumpige Donnerstag aus. Dabei verraten die fünf Damen aus dem Hatlerdorf, dass ihnen etwas besonders wichtig ist, nämlich, dass solche Bräuche unbedingt weiterleben müssen. Traditionen, die Humor, Gemeinschaft und ein wenig Verrücktheit pflegen. Namen wollen sie keine nennen. Schließlich werden sie auch im nächsten Jahr wieder ausrücken. Am gumpigen Donnerstag. Ganz sicher. cth




