Kommentar: Vereinbarkeit ist kein Betreuungsproblem. Sie ist eine Führungsfrage.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Österreich gern als Frage der Kinderbetreuung verhandelt. Zu wenig Plätze, falsche Öffnungszeiten, zu wenig Personal. Das ist alles richtig – und dennoch zu kurz gedacht. Denn selbst dort, wo Betreuung vorhanden ist, funktioniert Vereinbarkeit oft nicht. Der Grund ist simpel: Wir investieren in Infrastruktur, aber nicht in Veränderung.
Was fehlt, ist ein gesellschaftliches Change Management.
In Unternehmen ist seit Jahren klar: Veränderung gelingt nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch ein klares Zielbild, abgestimmte Regeln, konsequente Führung und messbare Ergebnisse. Genau diese Logik fehlt in der Vereinbarkeitspolitik. Stattdessen herrscht das Prinzip Hoffnung: Wenn wir nur genug Betreuungsplätze schaffen, wird sich der Rest schon ergeben. Tut er aber nicht.
“Vereinbarkeit entsteht nicht von selbst. Sie ist das Ergebnis guter Führung. Und Führung heißt: ein Ziel definieren – und es auch umzusetzen.”
Denn Vereinbarkeit ist kein technisches Problem, sondern ein strukturelles. Sie betrifft Rollenbilder, Arbeitskulturen, steuerliche Anreize und politische Zielsetzungen. Solange arbeitende Mütter sich rechtfertigen müssen, während Männer für Care-Arbeit Applaus bekommen, solange Teilzeit für Frauen erwartet und für Männer toleriert wird, bleibt jede Betreuungsinvestition Stückwerk.
Das hat auch ökonomische Folgen. Jede unfreiwillige Teilzeit, jede verzögerte Rückkehr qualifizierter Frauen in den Beruf kostet Produktivität und Steuereinnahmen. Der Fachkräftemangel wird so nicht nur beklagt, sondern politisch mitverursacht. Vereinbarkeit ist damit kein Frauenthema, sondern Standortpolitik.
Dass es anders geht, zeigt Schweden. Dort wurde Vereinbarkeit nicht als Sozialmaßnahme verstanden, sondern als gesellschaftliches Projekt. Mit klaren politischen Zielen, langfristiger Konsequenz und strukturellen Anreizen: flächendeckende ganztägige Kinderbetreuung, individualisierte Besteuerung, eine Elternzeit, die Väter verpflichtet statt bittet. Das Ergebnis ist keine perfekte Gleichstellung, aber eine neue Normalität: Erwerbstätige Mütter sind selbstverständlich, Care-arbeitende Väter ebenso.
Der entscheidende Unterschied: Schweden hat Veränderung gesteuert. Nicht moralisch, sondern systemisch.
Genau das fehlt hierzulande. Wir diskutieren Betreuung, aber nicht Verantwortung. Wir reden über Wahlfreiheit, verschweigen aber, dass Systeme Entscheidungen lenken. Und wir erwarten individuelles Umdenken, ohne die Rahmenbedingungen zu ändern.
Ein realistisches Zielbild wäre klar: Frauen arbeiten, Männer übernehmen Care-Arbeit, Politik setzt messbare Ziele für Erwerbsbeteiligung und Rollenverteilung – und steuert konsequent dorthin. Mit klaren Zuständigkeiten, überprüfbaren Kennzahlen und dem Mut, unbequeme Regeln einzuführen.
Vereinbarkeit entsteht nicht von selbst. Sie ist das Ergebnis guter Führung. Und Führung heißt: ein Ziel definieren – und es auch umzusetzen.
Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.