Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Kolumne: Wer weiß, vielleicht verschluckt dich diese Stille

VN / 24.02.2026 • 10:35 Uhr

Der Luki ist am Samstag nach der Piste in der Skibar abgestürzt, also, es ist eskaliert, und aufgehaut hats ihn auch noch. Der Dominic wollte eigentlich auch mit auf die Piste und in die Bar, aber die Lily hatte Geburtstag, 24 ist sie geworden, und er musste mit ihr und ihren Eltern essen gehen, ja, war posch, aber viel lieber wäre er halt bei der Eskalation dabei gewesen, wer war noch aller? Was, Schlägerei, wer hat sich geschlägert? Und wo seid ihr dann noch hin? Dem Luki ist die Eskalation nicht besonders gut bekommen, sogar ich sehe das, denn der Luki redet aus dem Handy vom Dominic heraus, der im Zug schräg vor mir sitzt und laut mit dem Luki facetimt.

Es soll endlich jemand ein Gerät erfinden, mit dem die Töne aus dem Handy direkt in die Ohren des Telefonierenden oder Musikhörenden übertragen werden und für Außenstehende unhörbar werden, bitte! Ah, das gibt es ja schon, man nennt es Kopfhörer.

Leider sind Kopfhörer sehr aus der Mode gekommen. In Zügen, U- und S-Bahnen ist lautes Videotelefonieren jetzt genau so üblich wie lautes Musikhören. Ich denke nicht mal, dass das nur Rücksichtslosigkeit ist. Ja, es ist auch viel Rücksichtslosigkeit, eine große Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer, eine Priorisierung der eigenen Interessen, auch wenn klar ist, dass deren Umsetzung für andere eine Belästigung ist. Ich glaube aber, es ist noch viel mehr: Ich glaube, es ist die Angst vor Einsamkeit, vor Isolation, vor einer Stille, von der man im schlimmsten Fall verschluckt wird. Am deutlichsten und am verständlichsten wird das, wenn man in Wien in den Öffis Menschen mit Migrationshintergrund am Arbeitsweg mit Verwandten aus der alten Heimat telefonieren sieht: Diese Gespräche wirken wie eine vertraute, warme Oase in einer fremden, nicht immer freundlichen Welt, deren Sprache man nicht gut versteht. Ich kann das nachvollziehen: Wenn ich auf Reisen bin, fühle ich mich weniger unsicher, sobald ein vertrauter Song läuft der wenn ich mit jemanden von daheim Kontakt habe.

Aber nochmal zur Rücksicht: Wie lernt man das, auf andere Rücksicht zu nehmen? Eigentlich im Elternhaus, in der Schule, mit Empathie und Verstand. Aber oft fällt das aus, und manche sind halt einfach resistent dagegen. Und die müssen es dann über Verbote begreifen. In Wien startet jetzt eine Kampagne gegen lautes Telefonieren und Musikhören ohne Kopfhörer in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Strafen könnten in einem nächsten Schritt folgen: dazu ein klares Daumen-Hoch von mir.

Ich gehe eigentlich nie ohne Kopfhörer aus dem Haus, erstens weil ich in den Öffis gerne Hörbücher und Musik höre. Und zweitens muss ich dann die Gespräche vom Luki und vom Dominic nicht hören; gute Besserung trotzdem.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.