Kommentar: Die Gesichter des Krieges

VN / 02.03.2026 • 18:00 Uhr
Kommentar: Die Gesichter des  Krieges

Der alte Regimeführer ist tot und viele Menschen im Iran, aber auch Iranerinnen und Iraner in anderen Teilen der Welt jubeln über die Freiheit, die sie jetzt endlich zu erlangen hoffen, nach so vielen Jahren. Der 86-jährige Ajatollah Khamenei regierte seit 1989, als unerbittlicher Kopf des brutalen islamistischen Regimes. Er war der Nachfolger von Ajatollah Ruhollah Khomeini, dem Gründervater der sogenannten Islamischen Republik. Die Männer in ihren schwarzen Gewändern unterdrücken ihr eigenes Volk gemeinsam mit ihrer gefürchteten Revolutionsgarde seit der Revolution 1979, als die Islamisten den Schah stürzten.

Die USA und Israel haben nun mit lang vorbereiteten Luftschlägen eine große Zahl der Anführer der iranischen Elite getötet – Donald Trump verkündete das Ende Chameneis in der ihm typischen Art und Weise auf seiner Plattform Truth Social: „Chamenei, einer der bösartigsten Menschen der Geschichte, ist tot“. Und das sei die „größte Chance für das iranische Volk, sein Land zurückzuerobern.“ Ein Triumph der USA und Israels über den Erzfeind Iran, der die Spaltung des Landes in seine Regimegetreuen und jene, die das Diktat der Geistlichen hassen, offenbart. Und die unterschiedlichen Gesichter des Krieges deutlich zeigt.

Tausende niedergemetzelt

Die Angriffe auf den Iran, die die Angreifer selbst lieber als „Präventivschlag“ bezeichnen, haben zum einen natürlich ein großes völkerrechtliches Problem, wie das jetzt zahlreiche Expertinnen und Experten zu Recht feststellen. Dennoch kann es zum anderen nicht sein, dass die völkerrechtliche Beurteilung der einzige Maßstab ist, wenn ein Regime wie jenes im Iran selbst mit Terror, Angst und Gewalt agiert. Denn wie völkerrechtswidrig handelt der Staat Iran selbst, der etwa zuletzt während der weitreichenden Proteste im Land Tausende seiner Bürgerinnen und Bürger (noch nicht verifizierbare Angaben sprechen von bis zu 30.000 Menschen) einfach niedermetzeln ließ. Nur, weil die Unterdrückten für Freiheit und bessere Lebensbedingungen auf die Straße gegangen sind.

Die Islamisten haben zahllose Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, der Angreifer Trump ist vor allem an seiner Machtpolitik interessiert, die er mit allen Mitteln umsetzt. Das fordert in der Betrachtung eine gewisse Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, die Mehrdeutigkeit und die Grautöne der Welt zu ertragen. Wie die USA und Israel diesen Krieg weiterführen und wie weit sie damit dem Ziel der Befreiung des iranischen Volks tatsächlich dienen, wird am Ende darüber entscheiden, wie dieser Krieg zu bewerten ist. Derzeit lässt sich nur eines sagen: Niemand weiß, wie das Ganze für die Menschen im Iran ausgehen wird.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.