Kolumne: Die ewige Tante

VN / 17.03.2026 • 17:03 Uhr
Kolumne: Die ewige Tante

Sie war immer die gewesen, die auf die Kinder aufgepasste, erst auf ihre Geschwister, dann auf die Kinder des Bruders, auf die der Schwester, auf die der Freundin.

Jetzt gerade saß sie an dem Spiegelschrank mit dem dreiteiligen Spiegel, den sie von ihrer Mutter vererbt bekommen hatte. Drehte sie die Seitenflügel, sah sie sich einmal rechts, dann links im Profil, rechts war nicht günstig, links günstiger. Sie war Mitte vierzig, hatte noch nie eine ausgiebige Liebschaft gehabt, nur Küssen und nichts weiter.

Ihr Schwager hatte sich eingebildet, er könne sie neben seiner Frau besitzen. Sie wehrte sich, und das Verhältnis zu ihrer Schwester kühlte aus, was sie sehr traurig fand, hatten sich die beiden immer verstanden und waren gewesen wie zwei Rosen an einem Strauch.

Da ging sie zur anderen Schwester, was günstig war, weil eben ein Kind geboren wurde. Diese Schwester litt an einer Schwangerschaftsdepression, und die Tante wünschte sich, nicht boshafter Weise, nein, aus praktischen Gründen, sie würde nie mehr gesund und das Kindlein gehöre ihr. Es war ein wunderhübsches Mädchen, sie verzärtelte es. Der Vater des Kindes war froh über die Zuwendung und wäre am liebsten selber von der Familie weg gewesen, weil seine Frau immer noch nicht gesund war. Ihre Depression nahm kein Ende, und das hielt er nicht aus. Er hatte eine gesunde Frau geheiratet, und was jetzt neben ihm lag, wollte er nicht. Umtauschen war nicht möglich. Mit diesem Scherz wollte er sich beruhigen.

So blieb die Tante über Jahre bis zum siebzehnten Geburtstag des Mädchens.

Da sagte das Mädchen, das nun eine Frau war: „Tante, ich will, dass du gehst. Wenn du weg bist, wird die Mama wieder gesund. Du hinderst sie am Gesundwerden. Die Wahrheit ist fest!“

Über diese Lieblosigkeit kam die Tante nicht  hinweg. Sie packte ihren Koffer, und bevor sie verschwand, holte sie eine Schere und zerschnitt das Lieblingskleid ihrer Nichte.

Die dritte Stufe war die zu ihrer Freundin.

„Willst du mich noch immer“, fragte sie. Die Freundin war alt geworden.

„Wofür soll ich dich wollen?“, fragte sie.

„Als Gesellschafterin, als eine, die für Sauberkeit sorgt. Ich bin eine alleinstehende Frau, einen Mann gibt es nicht, Kinder gibt es nicht. Ich verdorre. Du musst mich nicht bezahlen, lass mich einfach bei dir sein!“

Sie riss die Fensterflügel auf: „Was wir zuerst brauchen, ist frische Luft. Wo kann ich schlafen?“

Sie wartete keine Antwort ab. Sie dachte sich, hier stoße ich auf keinen Widerstand, hier bleibe ich, Bett frisch überziehen und den alten Teppich entsorgen. Dann leben.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.