Kommentar: Ein paar alte Männer
Zugegeben: Frau Ammann und ich sind zurzeit in einer Art Kampfmodus, wenn’s um die Verteidigung kollektiver Werte unserer verletzlich gewordenen Demokratien geht. Wir sehen ja was passieren kann, seufzt sie, wenn ein paar Testosteron-gesteuerte alte Männer ihren Machtgelüsten freien Lauf lassen. Die hart erarbeiteten Strukturen einer regelbasierten Weltordnung, die uns zumindest in Europa, viele Jahrzehnte Frieden gebracht haben, scheinen plötzlich obsolet, das Völkerrecht zu einem vergilbten Paragraphen-Wisch verkümmert, verweht vom rauen Wind der Gegenwart – wenn’s nicht doch immer wieder löbliche Ausnahmen gäbe, wie etwa Spaniens Regierungschef Sanchez, der sich der neuen Willkür Washingtons widersetzt und den Amerikanern nicht gestattet seine Militärbasen zu nutzen. Er hat sich entschieden, Haltung zu zeigen und aufs Völkerrecht zu verweisen, statt dem Großmann auf den Schoß zu hüpfen. Der Philosoph und Autor David Precht bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Es zählt nicht mehr die Stärke des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren.“
Erpresserische Drohungen, Deals, die keine sind und Diktate, mit dem Colt an der Schläfe, sind nichts anderes als räuberischer Sozialdarwinismus, der nur Unheil bringen kann.
Wie Frau Ammann an dieser Stelle schon feststellte – es ist die Zeit der Idioten und Brutalos angebrochen, die auf Vernunft und Regeln pfeifen, was natürlich auch die Option in sich birgt, kurz mal den Versuch zu wagen ein anderes kriminelles Regime auszuhebeln, wie z. B.in Venezuela oder im Iran. Natürlich werden viele Iraner(innen), die sich seit Jahrzehnten nach Demokratie und Demontage der mörderischen Mullahs sehnen, den Völkerrechtsbruch der USA begrüßen, ein nachvollziehbarer Reflex. Allerdings könnte die Bomberei der beiden Angreifer, in der kein wirklicher Plan zu erkennen ist, geschweige denn ein Exit-Szenario, nach hinten losgehen.
Fazit: Wegen dieser paar alten Männer in Washington, Moskau, Teheran oder Jerusalem, leidet die ganze Welt, die Energie und Produktionskosten schießen auf allen Kontinenten nach oben, womit sich natürlich auch die US-Importe verteuern werden. Trump schießt sich also wiedermal selbst und auch seinen MAGA-Wählern ins Knie.
Der Ökonomie -Nobelpreisträger Joe Stiglitz gehört zu den vernunftgesteuerten Fachleuten, die die erratische US-Zollpolitik und die Militäraktionen kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Sein Befund: „Trump hat eine Handgranate auf die Weltwirtschaft geworfen.“ … und jetzt möchte er auch noch die NATO in seinen Krieg ziehen, den Flächenbrand also befeuern.
Die Unberechenbarkeit, das Absurde und die Hybris der Schreihälse knipst den Farben unserer Zeit das Licht aus. Aber wie mein alter Freund Micki Köhlmeier bei seiner Laudatio zu Hanno Loewy’s Abschied meinte: „Die Zeiten können gar nicht so dunkel werden, dass uns das Lachen an unserm Esstisch einmal vergehen könnte.“ Also Kopf hoch.
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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