Im Wettlauf gegen die Zeit

Wie Stefan Weichinger einem Schwerkranken Hoffnung auf Weiterleben geschenkt hat.
Hohenems Carmen kämpft um ihr Leben. Die 49-jährige Vorarlbergerin leidet an einer aggressiven Form der Mastozytose. Bei dieser seltenen Erkrankung vermehren sich Mastzellen unkontrolliert und lagern sich in Organen wie Leber, Milz oder Knochenmark ab, wo sie schwere Funktionsstörungen verursachen. Für Carmen ist eine Stammzelltransplantation die einzige Überlebenschance. Der Verein „Geben für Leben – Leukämiehilfe Österreich“ sucht derzeit nach einem genetischen Zwilling für die zweifache Mutter. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
Jedes Jahr sind weltweit hunderttausende Menschen auf gesunde Stammzellen angewiesen. „Geben für Leben“ hat bislang mehr als 800 potenzielle Lebensretter vermittelt. Einer von ihnen ist Stefan Weichinger.

Der 40-jährige Kanaltechniker aus Hohenems ließ sich 2020 in Feldkirch typisieren. „Damals organisierte ‚Geben für Leben‘ an einer Schule in Nofels eine Typisierungsaktion für einen kleinen Jungen mit Leukämie“, erzählt er. „Ich habe den Aufruf in der Zeitung gesehen und mich spontan entschieden mitzumachen.“ Der Ablauf war unkompliziert: ein Wangenabstrich und die Registrierung in der weltweiten Spenderdatenbank.
Diesmal wurde es ernst
Lange Zeit hörte Stefan nichts mehr. Die Typisierungsaktion hatte er beinahe vergessen. Da kam ein Anruf von „Geben für Leben“: Ob er bereit wäre, Stammzellen zu spenden. „Natürlich habe ich sofort zugesagt und ließ mein Blut nochmals testen.“ Doch dabei blieb es. Vorerst.
Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres erhielt er erneut die Nachricht, dass er als Spender infrage komme – für einen schwer kranken Patienten aus Westeuropa.

Dieses Mal wurde es ernst. Im Jänner reiste Stefan nach Ulm ins Knochenmark-Stammzellspenderzentrum, wo er sich einem umfassenden Gesundheitscheck unterzog. „Alles war in Ordnung“, sagt er. „Die Entnahme wurde für den 24. Februar angesetzt.“
Bereits am 23. Februar machte er sich erneut auf den Weg. Während der Autofahrt gingen ihm viele Gedanken durch den Kopf: Wie fühlt sich der Empfänger, wenn er erfährt, dass ein genetischer Zwilling gefunden wurde? Und wie geht es dessen Familie?
Am nächsten Morgen wurde Stefan zur peripheren Stammzellentnahme in der Klinik aufgenommen. Bei dieser ambulanten Methode werden die Stammzellen mithilfe eines speziellen Verfahrens – der sogenannten Apherese – direkt aus dem Blut gewonnen, ähnlich wie bei einer Dialyse. Viereinhalb Stunden war Stefan an das Gerät angeschlossen. Es gab keine Komplikationen. So setzte er sich anschließend wieder ins Auto und fuhr nach Hohenems zurück. „Ich war mittags zu Hause und hatte gleich einen Arbeitseinsatz: Ein verstopftes WC musste repariert werden.“

Seinen Beruf übt Stefan seit mehr als 20 Jahren aus. Der Sitz seines Unternehmens „Abflussfrei Rohr- und Kanalservice“ ist in der Zieglerstraße in Hohenems. „Ich habe den besten Job. Jeder freut sich, wenn ich komme“, sagt er und lacht.
Trotz 24-Stunden-Einsatzbereitschaft bleibt dem vielbeschäftigten Mann Freizeit. Jeden Morgen trainiert er ab 6:45 Uhr im Fitnessstudio, spielt Eishockey beim SC Samina Hohenems und kümmert sich um seinen Garten. „Außerdem bin ich Bademeister – für unseren eigenen Aufstellpool“, scherzt er.
Carmens Leben retten
Nachdenklich stimmt ihn, dass sich noch immer zu wenige Menschen als Stammzellspender registrieren lassen. Sein Appell ist klar: „Lasst euch typisieren! Mit minimalem Aufwand könnt ihr Leben retten.“ Etwa Carmens Leben.
Er selbst ist jederzeit wieder bereit zu spenden. „Egal, wer meine Stammzellen bekommt, Hauptsache, dieser Mensch bekommt eine Chance zu leben und gesund zu werden.“
Zur Person
STEFAN WEICHINGER
GEBOREN 8. März 1986
WOHNORT Hohenems
BERUF Kanaltechniker
FAMILIE verpartnert mit Ivana, 4 Patchwork-Kinder, Katze Enya
HOBBYS Eishockey, Fitness, Gärtnern
