Streiflicht: Ach, der Schiller …

„Ach, der Schiller!“, murmelt eine ältere Dame auf die Frage, ob der Dichter heute noch Besucherströme nach Marbach lockt. Marbach am Neckar. Erhebt sich über den Fluss, döst aber in der Nachmittagshitze – fast menschenleer. Der Buchhändler verkauft auch Tee und Andenken. Und Antiquarisches, das meiste aus aufgelassenen Haushalten. Auch Schiller. Hier ist er ja zur Welt gekommen, am 10. November 1759. Das Haus steht noch. Ein Verein hat es gerettet. Eine Pensionistin sitzt an der Kassa. Sie erzählt gern. Sehr belesen ist sie. Die paar Besucher sind beeindruckt. So persönlich hat man das selten. Es kommen nicht viele. Nicht zum Schiller. „Ach, der Schiller“ ist halt aus der Mode.
Oben im Park steht er in Bronze und wendet dem Rasen, auf dem junge Familien spielen, den Rücken zu. Er blickt auf Deutschlands Literaturarchiv, das sein Erbe verwahrt, inklusive der berühmten Schiller-Locke. Gezeigt wird eine von den unzähligen, die das Archiv besitzt. Er muss alle Haarfarben gehabt haben. Und einen Gehstock, und einen Dreispitz, natürlich!
Ach, der Schiller, und der Goethe, der Wieland und der Hölderlin – liest man die heute noch? Als die jungen Damen und Herren gestern ihre Deutsch-Matura zu Papier brachten, war da und dort auch ein Hauch von Sturm und Drang dabei oder gar Weimarer Klassik? So was von Freiheit oder Bürgersinn zum Beispiel? Oder gähnen die Lehrplangestalter heute auch schon gelangweilt „Ach, der Schiller!“ Ja, das wär’ schade.