“Es muss kein Tutanchamun sein”

Evi Linder (63) erfüllt sich den Traum vom Archäologiestudium.
Dornbirn Evi Linder ist aktuell nicht im Ländle – sie ist auf Exkursion. Gemeinsam mit dem Institut für Archäologien der Uni Innsbruck erkundet die Dornbirnerin “Orte rezenter Massengewalt in Österreich, Tschechien und Polen”. Für die Neo-Studentin ist das eine Premiere, entsprechend groß war die Nervosität vor der Abfahrt: “Ich kann es noch kaum glauben, dass ich tatsächlich mit einer Unigruppe und Fachleuten unterwegs sein darf. Jeder muss auch einmal ein Referat halten – mein Thema ist das Massaker von Katyn, über das ich im Museum in Warschau referieren werde.”

Viele Puzzleteile
Dass Evi Linder einmal Archäologie studieren würde, wusste sie schon lange – nur dauerte es, bis die Zeit dafür reif war. “Mein Mann Andreas ist Geschichtelehrer, wir waren oft in Museen und auf historischen Stätten unterwegs. Dabei bekam ich viele geschichtliche Inputs, aber es fühlte sich an wie Puzzleteile, die ich nicht zu einem großen Ganzen zusammensetzen konnte”, erzählt sie. Als sie bei einem Tempelbesuch etwas abseits eine kleine antike Scherbe fand, war der Entschluss gefasst: Eines Tages würde sie Archäologie studieren. “Die Relikte aus alten Zeiten sind für mich wie kleine Schätze. Ich wollte mehr über vergangene Zeiten erfahren, graben, schaufeln und pinseln. Es muss ja nicht gleich ein Tutanchamun sein.”

Richtiger Zeitpunkt
Diese Eingebung hatte Evi Linder vor rund 20 Jahren. Als sie im vergangenen Herbst mit 62 in Pension ging, bot sich die Gelegenheit, den lang gehegten Wunsch umzusetzen. “Endlich hatte ich Zeit, etwas nur für mich zu tun. Auch die Enkel waren nicht mehr so klein und ich als Oma nicht mehr so gefordert”, sagt sie.

Bis zu ihrer Pensionierung war sie es als Pädagogin gewohnt gewesen, das Wohl der anderen an erste Stelle zu setzen. Zuletzt war sie 27 Jahre als Lehrerin im LZH (Landeszentrum für Hörgeschädigte) tätig gewesen – “ich war immer Vollzeitlehrerin und das mit großer Freude.” Nun klemmte sie sich selbst wieder hinter die Bücher, denn zum Archäologiestudium braucht es das kleine Latinum – und das fehlte der umtriebigen Pensionistin. Also meldete sie sich zu einem Online-Latein-Intensivkurs an und lernte mit viel Disziplin und großem Lerneifer die Sprache der alten Römer. “Im Jänner habe ich die Prüfung an der Uni Innsbruck gemacht und gleich bestanden – da war ich schon ein wenig stolz.” Ebenso stolz war sie, als sie zu Beginn des Sommersemesters ihren Studierendenausweis in Händen hielt.

Motivierte Studentin
Mittlerweile ist es für sie selbstverständlich geworden, dreimal pro Woche mit dem Zug nach Innsbruck zu fahren. Von ihrer Familie bekommt sie volle Unterstützung: Die Enkel sind stolz auf ihre studierende Oma und haben sie mit Füller, Federschachtel und Schreibblock ausgestattet. “In diesem Semester habe ich fünf Vorlesungen inskribiert und werde auch alle Prüfungen machen. Auf einen Titel bin ich nicht scharf – aber wenn ich schon studiere, möchte ich es auch irgendwann abschließen.” Dass Evi Linder deutlich älter ist als ihre Kommilitonen, stört sie nicht. “Die sind alle total nett zu mir. Ich muss eher aufpassen, dass ich den jungen Professoren den nötigen Respekt entgegenbringe”, lacht sie.

Im August darf sie erstmals an Lehrgrabungen in der römischen Stadt Aguntum bei Lienz teilnehmen. “Dann geht für mich ein Traum in Erfüllung. Wenn ich graben und sieben darf, werde ich der glücklichste Mensch sein.” LCF
Zur Person
Evi Linder
Geboren 23. November 1962
Wohnort Dornbirn
Beruf Lehrerin in Pension, Studentin der Archäologie
Familie verheiratet, eine Tochter, zwei Enkel
Hobbys Studium, Enkelkinder, Reisen im Wohnmobil