Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Streiflicht: Mit geschlossenen Augen

VN / 19.05.2026 • 15:15 Uhr

Sonntagmorgen. Der eisige Wind hat sich gelegt. Sonnenstrahlen wärmen die Haut. Der Garten ist erwacht. Jetzt nur dasitzen und die Augen schließen. Nicht blinzeln! Geschlossen halten.

Eine Amsel singt ihr fröhliches Morgenlied. Weiter entfernt ruft ein Vogel aufgeregt dazwischen. Von der Bregenzerach her werden immer mehr Stimmen unterscheidbar. Jetzt summt eine Biene heran. Ich will die Augen öffnen, kann schon den Flügelschlag spüren. Doch sie ist wieder fort. Der Wind hat aufgefrischt. Spielt in den Blättern der Bäume. Ein gleichmäßiges Rauschen legt sich wie ein Teppich unter den jungen Tag.

Auch das Haus bleibt nicht still. Holz knarrt, das Mauerwerk ächzt. Irgendwo stellt jemand eine Gießkanne auf den Boden. Zwei Spaziergänger laufen am Gartenzaun entlang. Nein, es ist nur einer. Er plaudert, aber niemand antwortet. Er spricht ins Telefon. „Also dann, schönen Tag noch!“ Die Schritte entfernen sich. Andere kommen näher. Gartenschuhe klappern. Jetzt ist die Person ganz nahe, hält inne, sagt nichts. Wie schwer fällt es doch, die Augen geschlossen zu halten. Wieder ein Schritt, noch einer. Sie beugt sich vor. Ich halte den Atem an. Dann kitzelt etwas. Im selben Augenblick steigt zarter Holunderduft in die Nase. Jemand kichert. Ich öffne die Augen. Eine weiße Dolde liegt auf dem Tisch, und der wehende Rockschoß ums Hauseck verrät eine kleine, frühlingshafte Zärtlichkeit.