Streiflicht: Das leise Trotzdem

VN / 28.04.2026 • 15:06 Uhr
Streiflicht: Das leise Trotzdem

Jedes Jahr dieselbe bange Frage: Hat der Trompetenbaum den Schnitt überlebt? Kahl steht er da. Anklagend reckt er die nackten Äste in den Himmel. Das wird nichts mehr. Doch dann: „Da!“ ruft die Hobbygärtnerin aufgeregt. Ihre Finger deuten auf das Wunder, das ihr Mann angestrengt zu erkennen versucht, und noch einmal: „Da!“ Tatsächlich sprießt irgendwo ganz oben ein Hauch von Grün aus den Knospen. Tage später tänzeln zwei Tauben übers Geäst, das schon überall die Blätterpracht des Sommers ahnen lässt. Ein Wunder.

Die Turteltauben nehmen keine Notiz davon. Die heißen wirklich so und machen ihrem Namen alle Ehre. Sie spaziert grazil den Ast entlang, er ist sehr bemüht, so zufällig wie möglich vom Nachbarast in ihre Richtung zu schauen. Alle paar Augenblicke setzt er sich als waghalsiger Kunstflieger in Szene und plustert sein Gefieder auf. Kurzum: Er tut all das, was man halt tut, wenn man so gar kein Interesse hat. Am Ende steht hingebungsvolles Schnäbeln. Ein wohliges Gurren erfüllt die Abendluft.

Man hätte an dieser Stelle auch das junge Paar auf der Parkbank beschreiben können oder den Dreikäsehoch, der im Kindergarten mit einem Gänseblümchen und roten Ohren zum allerersten Mal in seinem Leben als Kavalier den Diener macht. Überall feiern dieser Tage die Liebe und das Leben ihr Fest, ganz unbeirrt von dem großen Welttheater des Hasses und der Zerstörung.