Die nächste Lohnlücke entsteht bei der KI

VN / 08.06.2026 • 11:30 Uhr
Die nächste Lohnlücke entsteht bei der KI

Es gibt eine neue Lücke auf dem Arbeitsmarkt, und sie öffnet sich schneller, als die alte sich schließt. Künstliche Intelligenz wird zur Schlüsselkompetenz. Doch ausgerechnet bei dieser neuen Schlüsselkompetenz steigen Frauen deutlich zögerlicher ein als Männer.

Die Zahlen sind ungewöhnlich eindeutig. Eine Metaanalyse von Forschenden aus Harvard, Berkeley und Stanford, die 18 Studien mit rund 143.000 Menschen zusammenfasst, zeigt: Frauen nutzen generative KI weltweit deutlich seltener als Männer. Eine Untersuchung der Universität Chicago kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Selbst im gleichen Beruf und bei vergleichbaren Aufgaben greifen Frauen um 16 Prozentpunkte seltener zu Werkzeugen wie ChatGPT.

Das wäre halb so wichtig, ginge es nur um eine digitale Spielerei. Tut es aber nicht. KI wird zur Produktivitätsfrage, zur Karrierefrage und zur Einkommensfrage. Laut dem AI Jobs Barometer 2025 erzielen Beschäftigte mit nachweisbaren KI-Kompetenzen im Schnitt deutlich höhere Löhne als jene ohne. Die Nutzungslücke von heute kann damit zur Lohnlücke von morgen werden. Und Österreich kann sich das am wenigsten leisten: Mit 17,6 Prozent hat das Land weiterhin den dritthöchsten Gender Pay Gap der EU.

Naheliegend wäre die Erklärung, Frauen hätten schlechteren Zugang. Sie greift zu kurz. Die Forschung zeigt: Es geht nicht nur um Technik, sondern um Zuschreibung, Selbstvertrauen und Risiko. Frauen empfinden den Einsatz von KI häufiger als eine Art Schummeln. Sie fürchten eher, dass ihnen die eigene Kompetenz abgesprochen wird. Diese Sorge ist nicht irrational. In einer Arbeitswelt, in der fachliche Autorität noch immer eher Männern zugeschrieben wird, ist Zurückhaltung keine persönliche Schwäche. Aber sie ist teuer.

Die Frage lautet also nicht: Können Frauen KI? Sie lautet: Trauen sie sich, sichtbar damit zu arbeiten?

Wer wissen will, was hilft, braucht keinen weiteren Zukunftsgipfel. Es braucht niederschwellige, praxisnahe Trainings, Räume zum Ausprobieren und Netzwerke, in denen man testen darf, ohne bewertet zu werden. KI-Kompetenz gehört in Unternehmen, Gründungsprogramme, Weiterbildungen und Schulen. Nicht als Sonderthema für Technikaffine, sondern als Grundkompetenz moderner Arbeit.

Für Unternehmerinnen ist KI keine Bedrohung, sondern eine Gelegenheit. Wer jetzt souverän damit arbeitet, hebt sich in einem Feld ab, in dem viele noch zögern. Das eigentliche Werkzeug sitzt dabei nicht am Bildschirm, sondern im Kopf: KI ersetzt keine Kompetenz. Sie verstärkt sie.

Die Technik ist da. Sie ist zugänglich, lernbar und längst wirtschaftlich relevant. Es wäre fahrlässig, dieses Feld anderen zu überlassen.

Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.