Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, dritter Teil

VN / 10.06.2026 • 09:00 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Aslan war nicht berechnend, doch fand er es günstig, eine reiche Frau zu heiraten. Wieso sollte man sich mühen, wenn es anders ging? Mein Vater war Begleitung. Das wünschte sich der Baustellenleiter. Nun hatte Aslan eine. Mein Vater hätte halt auch gern eine gehabt.

In der Wäscherei lernte er eine Türkin kennen. Er war es nämlich, der sich im Haushalt um die Wäsche kümmerte, auch um die seines Freundes, überhaupt die ganze Sauberkeit lag bei ihm. Und das Einkaufen. Und natürlich das Kochen. Und die kleinen Reparaturen. Die Türkin in der Wäscherei hatte ihr Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und mein Vater sah nicht viel von ihrer Lieblichkeit. Dieses Wort verwendete mein Vater, wenn er über meine Mutter sprach. Dieses Wort kommt nicht von Aslan. Sie hieß Nihan, was so viel bedeutet wie die Geheimnisvolle. So sind wir Türken, wir müssen aus allem ein Geheimnis machen. Sogar an Dingen, die ganz klar sind, tun wir so lange herum, bis sie ein Geheimnis sind, das niemand mehr versteht, auch wir selbst nicht. Ich bin nach außen deutsch, inwendig aber mächtig türkisch. Ich liebe zum Beispiel Fransen und Schwäne aus Plastik.

Ich stellte ihn zur Rede, er sagte von einer Kanakin wie mir lasse er sich nicht zurechtweisen, verzieh dich zu deinesgleichen.

Ich reise nach Hamburg, weil ich hoffe, dort meine einzige Liebe wiederzufinden. Seit einem Jahr bin ich geschieden von einem Mann, mit dem ich zwanzig Jahre verheiratet war, den ich geachtet habe, aber mehr nicht. Mit Mehr-nicht kann man eigentlich nicht zwanzig Jahre leben. Ein Jahr vielleicht, nicht einmal das ist wahrscheinlich. Aber dann doch. Und dann noch ein unwahrscheinliches Jahr. Und schon sind es zwanzig Jahre. Wir haben zwei Kinder, die beide ihr eigenes Leben haben.

Ich habe noch nie in meinem Leben jemandem von meinem Leben erzählt. Und dann treffe ich eine fremde Frau im Zug und tue es. Aber Sie dürfen sich nicht allzu viel darauf einbilden. Ich fahre nach Hamburg, um meine einzige Liebe wiederzufinden. Als Mädchen war ich mutig. Einmal ereignete sich ein Vorfall in der Schule. Es gab einen Schwimmlehrer, der nichts lieber tat, als Mädchen zu demütigen, sie seien unförmig, würden nie einen Mann kriegen, besonders ein Mädchen hasste er regelrecht, kaum kam sie ihm vors Gesicht, beschimpfte er sie. Sie weinte, und obwohl sie nicht schwimmen konnte, stürzte sie sich in das große Becken und wäre beinahe ertrunken. Ich stellte ihn zur Rede, er sagte von einer Kanakin wie mir lasse er sich nicht zurechtweisen, verzieh dich zu deinesgleichen. Ich ging zum Direktor, er versprach Abhilfe, es geschah nichts. Da stellte ich mich bei der Polizei vor und traf auf einen braven Polizisten. Der Schwimmlehrer wurde entlassen, und ich war eine Woche lang die Heldin.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.