Streiflicht: Welt in der Welt
„Komm!“ Sie zieht ihn aus der prallen Sonne und drückt ihn über die ausgetretene Türschwelle. Augenblicklich umfängt schummriges Dunkel das Paar und eine erlösende Kühle. Das Stadtzentrum brütet um die Mittagszeit. Den uralten Mauern dagegen scheint die Hitze nichts auszumachen.
Er war lange nicht mehr in einer Kirche. Seine Augen gewöhnen sich. Er schaut sich um. Zuerst weckt der Geruch Kindheitserinnerungen. Diese Mischung aus Kerzenrauch, Bohnerwachs und dem Duft frisch geschnittener Blumen kennt er. Die Kirche, die seine Eltern jeden Sonntag besuchten, war nicht annähernd so pompös, aber sie roch genauso.
Die beiden spazieren durch die Kathedrale wie durch ein Museum. Ist ja auch eines: „1637“ entziffert sie am unteren Rand eines großen Gemäldes. „War das nicht mitten im Dreißigjährigen Krieg?“, kramt er im Schulwissen. „Dass die noch Muße hatten, solche Bilder zu malen…“ „Und zu singen“, ergänzt sie. Sie hat ein Gesangsbuch aufgeschlagen und hält es ihm hin: „Nun danket alle Gott“ liest er da, und ihr Zeigefinger deutet auf den Komponisten und Texter: Martin Rinckart,1636. „Erstaunlich!“ Als sie sich wieder nach draußen wagen, haben sie einen Blick in eine Welt in der Welt geworfen. Eine Welt, in deren Gebälk die Kühle nistet und die Hoffnung und das Vertrauen.
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