Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, achter Teil
Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau folgende Geschichte:
Amir wollte so tun, als wären wir nie auseinander gewesen, als hätten wir nie einen anderen und eine andere gehabt. Er wollte die Zeit zurückdrehen. Ach, er war wie sein Vater, der lebenslange Freund meines Vaters. Aber plötzlich gab er sich eifersüchtig. Wenn ich einen Mann nur anschaute, wurde er unruhig. Sein bisheriges Leben sei gewesen, sagte er, vorbei. Von nun an müssten wir beide, er und ich, das Leben führen, das unsere Väter im Augenblick unserer Geburt für uns vorgesehen hätten. Ein Geburtsschrei wie ein Heiratsversprechen. Da sah ich es auch so. Ja, ich sah es auch so. Ich wusste und weiß, dass wir vom ersten Augenblick an zusammengehörten. Was gewesen ist, war gewesen. Auch Aslan, Amirs Vater, kam uns wieder besuchen. Und er erinnerte uns an unser Eheversprechen bei unserer Geburt. Legte die Hand seines Sohnes in meine Hand. Ich war glücklich. Aber zugleich dachte ich: Stimmt es denn? Liebt er mich wirklich? Oder ist er nur auf einmal traditionell geworden? Dass er sich an die heiligen Schwüre unserer Väter erinnert fühlt und sonst nichts? Hätte ja sein können. Ich wusste nicht, dass Amir ähnliche Gedanken hatte.
Meiner Mama gefiel dieses Getue nicht, und wenn uns Amir besuchte, machte sie sich unsichtbar. Auch wenn uns sein Vater besuchte. Wenn uns nur Kurt nicht verlässt, sagte Mama. Er kann mit dem Rollstuhl umgehen. Ich könne das nicht. Und Amir ließ sie nicht. Und seinen Vater erst recht nicht.
Amir schmiedete einen Plan. Um mich zu testen. Um zu testen, ob ich ihn wirklich liebe. Und nicht nur mit ihm zusammen sein will, weil unsere Väter sich das bei unserer Geburt geschworen hatten.
Bei der Arbeit gab es einen jungen Türken, der sehr gut aussah, den überredete er, mit mir zu flirten. Er nahm ihn mit zu unseren Treffen, sagte zu mir, er wolle sich um ihn kümmern, weil er noch so schüchtern sei. Er hieß Eymen, was so viel bedeutet wie der Gerechte. Er rührte mich, eben weil er so schüchtern war, er hatte noch nie mit einer Frau geschlafen.
Amir sagte zu mir, er wünsche sich, dass ich Eymens erste Frau werde. Was, bitte? Ja, ob ich mir das vorstellen könne. Was, bitte? Ich war darüber zornig und wollte wegrennen. Amir redete auf mich ein, als ginge es um sein Leben. Er müsse vor Allah etwas gutmachen. Was, bitte? Woher Allah auf einmal? Es sei sein Opfer. Wofür ein Opfer, bitte? Das könne er mir nicht sagen. Die Frage an mich sei: Liebst du mich? Liebst du mich, fragte ich dagegen. Ja, ich liebe dich, sagte er. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage sei, ob ich ihn liebe. Wenn ich ihn liebe, dann müsse ich ihn retten. Ich habe überhaupt nichts mehr verstanden. Retten? Wovor retten?
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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