Goldenes Herz für die Geächteten der Gesellschaft

Annemarie Sutterlüty aus Egg erhält den diesjährigen Russpreis für ihr bewundernswertes Engagement für Strafgefangene.
Egg Noch am Vortag war Annemarie Sutterlüty (69) in der Justizanstalt Stein. “Ich bin erst um 23 Uhr nach Hause gekommen”, sagt die bald 70-Jährige, während sie dem VN-Team am späteren Vormittag in ihrer Wohnung freudig Kaffee und Nussgipfel serviert. Vier Gefangene hat sie im größten Gefängnis Österreichs besucht: drei Vorarlberger und einen Mörder aus einem anderen Bundesland.
Annemarie Sutterlüty macht, was in der Sozialarbeit nicht viele machen und wofür es gesellschaftlich nicht reflexartig Anerkennung gibt: Sie betreut Menschen in den großen Gefängnissen Österreichs. Keine Hendl-Diebe, sondern Schwerkriminelle: Mörder, Bankräuber, Drogendealer. In der Regel sind die Delinquenten Vorarlberger, doch Sutterlütys Engagement kennt keine Bundesländergrenzen.

“Was sind das für Menschen?”
“Ich hab’ mich schon als junges Mädchen gefragt: Was sind das für Menschen, die einen anderen Menschen töten? Ich kann nicht sagen, warum dieses Interesse auf einmal da war. Einen speziellen Anlass dafür gab es nicht.” Die ältere Schwester von fünf jüngeren Brüdern – einer davon der spätere Egger Bürgermeister Paul Sutterlüty – wandelte dennoch lange auf einem gutbürgerlichen Berufspfad. Handelsschulabschluss im Marienberg, Einstieg ins Familienunternehmen, die Bruggmühle Egg, als Buchhalterin. Doch damit einhergehend immer diese Berufswünsche ganz anderer Art: Lkw-Fahrerin, Betreuerin von Leprakranken in Madagaskar.

Die junge Annemarie ließ vieles auf sich wirken. Gern tummelte sie sich in der Rockerszene, fuhr ab auf Joan Baez, Santana, generell auf Flower-Power-Sound.
Beginn einer Mission
Als Annemarie Sutterlüty im Zuge der Ausbildung zur Sozialarbeiterin auf den Gerichtspsychiater und Suchtexperten Reinhard Haller traf, war ihre Mission endgültig vorgegeben. Ihr Schwerpunkt wurde die Bewährungshilfe und die Gefangenenbetreuung. Aber auch um Prostituierte und solche, die den Weg aus der Prostitution suchten, kümmerte sie sich.

Niemals vergisst die Hobby-Chorsängerin ihre erste Begegnung mit einem Menschen, der einem anderen das Leben nahm. “Der Mann hatte fahrlässig den Tod einer älteren Frau zu verantworten. Ich besuchte ihn in der Karlau. Ein richtiger Mörder war das aber nicht.” Auf einen solchen stieß sie wenig später. “Ein grobschlächtiger Typ, der seine ihn betrügende Ex-Frau auf frischer Tat ertappen wollte. Dabei wurde er von einer anderen Frau auf einem Balkon erwischt. Er erdrosselte diese Frau.”
Tausende Briefe
Wenn Annemarie Sutterlüty in Stein, Garsten oder der Karlau Mörder besucht, redet sie nicht über die Tat. Sie hört zu, lässt die Straftäter reden. Schließlich haben die um ihren Besuch gebeten. “Es gibt solche, die zeigen wenig Reue, andere schon. Und wieder andere verschaffen sich erst nach Jahren mangelnder Einsicht irgendwann ein reines Gewissen.” Über Taten tauscht sich die bald 70-Jährige in den Briefen mit den Gefängnisinsassen aus. Tausende hat sie in ihrem jahrzehntelangen Engagement schon geschrieben und erhalten.

Sutterlütys Hauptklienten sind Vorarlberger. Die Eggerin kümmert sich auch um deren Familien, nimmt Angehörige in ihrem Auto mit, wenn diese ihren inhaftierten Mann bzw. Vater in einer innerösterreichischen Strafanstalt besuchen wollen.
Eine kritische Stimme
Ihre kritische Stimme erhebt Sutterlüty, wenn sie Mängel oder falsche Entscheidungen im heimischen Sozialsystem ortet. “Die Schließung der Suchtstation Lukasfeld war ein schwerer Fehler. Ebenso das Zusperren der forensischen Station in Rankweil. Das war die erste Anlaufstation für entlassene Straftäter mit psychischen Problemen.”
Sie, die für andere alles gibt, braucht gelegentlich selbst Unterstützung. “Die hole ich mir in der Seelsorge. Oder ich suche die Stille.”
Annemarie Sutterlüty
Geboren: 5. August 1956
Wohnort: Egg
Beruf: Sozialarbeiterin
Ausbildung: Nach der Pflichtschule Absolventin der Handelsschule Marienberg
Beruflicher Werdegang: Buchhalterin im Familienbetrieb der Bruggmühle in Egg. Parallel dazu Ausbildung zur Sozialarbeiterin und jahrzehntelange Tätigkeit im Sozialbereich mit Schwerpunkt Bewährungshilfe und Gefangenenbetreuung.
Familie: Single
Hobbys: Singen und Briefe schreiben
Lieblingsspeise: Toast Hawaii