Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das ist doch noch gut!

VN / 27.07.2026 • 15:27 Uhr

Ich habe mein Bett frisch überzogen, mit einer Molino-Bettwäsche, und während ich den Überzug zuknöpfte, überlegte ich, wie lange ich die schon habe. Die habe ich doch in einem schwedischen Möbelhaus gekauft, als ich vorübergehend in Zürich wohnte, das war, Moment, im Jahr 2000, und seither war sie in vielen Wohnungen in ständiger Verwendung. Eins der Gästebetten ist gerade mit einer Bettwäsche bezogen, die hat mir meine Mutter beim Einzug ins Haus vor zwanzig Jahren mitgebracht, wunderschön geometrisch braun-orange-gelb gemustert, original 1970er-Jahre.

Ich habe da dieses Problem, dass ich keine Bettwäsche weggeben kann. Meine Nachbarin Grete offenbar auch nicht, sie schenkte mir unlängst hübsche Geschirrtücher, die sie aus einem alten karierten Bettbezug genäht hat. Ich habe lange Tischtücher mit Knopflöchern an der kurzen Seite, aus aufgetrennten Bettbezügen, die ich beim Einzug im Haus fand. Geschirrtücher müssen sich in meinen Händen auflösen, bevor ich sie wegwerfe, und davor mache ich natürlich noch einen Putzlumpen daraus. Im Jahr 1992 habe ich mir im Urlaub in Portugal ein Badetuch gekauft, erst gestern lag ich nach dem Schwimmen darauf, die Streifen sind vielleicht ein bisschen blass, die Säume ausgefranst; frisch gewaschen ist es so steif und kratzig, wie sich das für ein Handtuch gehört.

Mein Lieblingstextil ist ein großes Tischtuch, stabil gewebt in einem kunstvollen Rautenmuster aus blauer und weißer Baumwolle. Ich decke damit den Gartentisch, wenn Freundinnen und Freunde zum Essen kommen, und weil es so schön ist, fragt immer jemand danach. Es stammt aus einem Gasthaus, das eine meiner Großtanten ab Mitte der 1920er Jahre im Ländle eine Zeit lang geführt hat, und in dem auch meine Großmutter immer wieder ausgeholfen hat, wobei sie, so erzählt es mein Vater, auch meinen Großvater kennenlernte. Das Gasthaus wurde 1938 geschlossen, ein paar der Tischtücher nahm die Familie mit, eins landete bei mir. Dieses Tischtuch, das makellos ist und dem es nicht ausmacht, dass ich es immer wieder in der Waschmaschine wasche, ist an die hundert Jahre alt.

Man scheut sich fast, etwas so Wertvolles, historisch Aufgeladenes mit Bolognese und Rotwein zu bekleckern – aber was ist ein Tischtuch, das nicht auf einem Tisch liegt, an dem Familie und Freunde zusammen essen? Nur ein Stück Stoff, das unsichtbar in einem Schrank vergilbt. Oder, wie eine meiner Großmütter gerne sagte: Wenn es keine Flecken verträgt, hätte es kein Tischtuch werden sollen. Ich halte es in Ehren, indem ich es oft verwende, mich darüber freue und der unbekannten Großtante danke.

Man muss die schönen Dinge feiern und, weil man nicht weiß, was morgen ist, das Sonntagshäs jeden Tag anziehen, wenn es einen freut: bis es einem vom Leib bröselt, im besten Fall.