“Ich verstehe nicht, warum es eingeführt wurde” – Ehemaliger Verkehrsplaner des Landes kritisiert das neue VVV-Tarifsystem

Franz Schwerzler hat den Vorarlberger Verkehrsverbund mit aufgebaut. Das sagt er zur Reform.
Schwarzach “Das neue Tarifsystem ist ein Irrweg”, ist Franz Schwerzler (75), ehemaliger Verkehrsplaner des Landes, überzeugt. Für ihn ist es nicht “einfacher, übersichtlicher und fairer”, wie es vom Vorarlberger Verkehrsverbund (VVV) beworben wird.
Hintergrund zum neuen Tarifsystem:
Am 1. Juni trat die Tarifreform des VVV in Kraft. Sie sollte den öffentlichen Verkehr in Vorarlberg einfacher machen. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass einiges komplizierter geworden ist – nicht nur für Fahrgäste, sondern auch für Busfahrer. Außerdem gibt es nun starke Preiserhöhungen zwischen 3,50 und 11,40 Euro bei 24-Stundentickets. Laut einer VVV-Grafik betrifft das im Vergleich zum vergangenen Jahr mit dem Dominosystem rund sieben Prozent der Einzelfahrt- und Tagestickets. Zwar gibt es auch einige nennenswerte Vergünstigungen, dennoch wurden die Preisveränderungen nach außen hin beschönigt dargestellt.
Kompliziert statt einfach
Der Feldkircher hat in den 90er-Jahren den Verkehrsverbund mit aufgebaut. Das Ziel war es, einheitliche Tarife für den öffentlichen Verkehr im Land zu schaffen – damals revolutionär in Österreich. “Zuerst gab es ein Kilometersystem, und dann kam das Dominomodell”, erklärt der damalige, jahrzehntelange Landesbeamte, der Teil des Aufsichtsrats des VVV war.

Er verstehe nicht, warum die Reform gemacht wurde: “Ich wüsste gern, was den Verbund hier angetrieben hat.” Das Argument der Einfachheit könne er nicht nachvollziehen. “Es ist eindeutig komplizierter, unplausibler und unfairer geworden.”

Das Dominosystem sei seiner Meinung nach nicht schwer verständlich gewesen, da kaum jemand noch Dominos gezählt habe und im Alltag nur den Zielort kennen musste. “Der ÖBB-Standardtarif kennt ein Vielfaches an Entfernungsstufen. Ist er deshalb kompliziert?”, fragt er. Die Feingliedrigkeit sei nur problematisch, wenn man innerhalb desselben Ortes in eine andere Preiskategorie fällt, so wie es bei dem Kilometersystem der Fall war.

Jetzt müsse man sich vor einer Fahrt hingegen nicht nur mit den Zonen, sondern auch mit der Zeit auseinandersetzen. “Wobei sich manche Einzelfahrten gar nicht mit einem 60-Minuten-Ticket ausgehen”, erwähnt der ehemalige Feldkircher Stadtrat. Zum Beispiel von Brand nach Schruns, geschweige denn nach Partenen.

Neben der Einfachheit hat man die Reform gemacht, um gewisse “Symptome” des alten Systems zu beheben. Doch auch das neue hat Schwachstellen: Zum Beispiel wenden einige Fahrgäste – grundsätzlich verbotene – Taktiken an, um weniger bezahlen zu müssen.
Außerdem gebe es für manche kurze Strecken, wie von Hard nach Lochau, unverhältnismäßig teure Preise. Hierbei muss man für eine Einzelfahrt zumindest ein 120-Minuten-Maximoticket für 9,60 Euro kaufen. Das neue Tarifsystem ist zwar grundsätzlich auch günstiger geworden, die Preisvorteile seien jedoch größtenteils deutlich kleiner.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Schwerzler schätzt den aktuellen VVV-Geschäftsführer Christian Hillbrand persönlich wie auch fachlich und habe ihn als kompetent und umsichtig kennengelernt. “Umso weniger verstehe ich, wie er sich hier so verrennen konnte”, meint er.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Rückkehr zum Dominosystem
“Ich wüsste nicht, wie das neue System sinnvoll korrigiert werden könnte, sodass es wirklich einfacher oder übersichtlicher wäre”, hält Schwerzler fest. Auch wenn es für die besonders krassen Fälle eine Lösung gebe, würden gravierende Plausibilitätsdefizite bleiben.

Der ehemalige Landesverkehrsplaner würde zu dem Dominosystem zurückkehren. “Die ‚neue Tarifwelt‘ wäre dann ein gut gemeinter Versuch gewesen, der sich halt nicht bewährt hat”, fasst Schwerzler zusammen. Er ist zwar der Meinung, dass sich Dinge weiterentwickeln müssen, aber diese Veränderung habe dem öffentlichen Verkehr keinen guten Dienst erwiesen.