“Wer ehrlich zahlt, ist also der Dumme?” – Das neue VVV-Tarifsystem aus Expertensicht

VN / 04.08.2026 • 09:57 Uhr
"Wer ehrlich zahlt, ist also der Dumme?" – Das neue VVV-Tarifsystem aus Expertensicht
Franz Schwerzler, ehemaliger Verkehrsplaner des Landes, zeigt Schwachstellen des neuen Tarifsystems auf.VN; privat

Laut Franz Schwerzler sind schon viele dahintergekommen, dass sich das neue Öffi-System austricksen lässt.

Schwarzach Franz Schwerzler (75) hat mitbekommen, dass viele Fahrgäste das neue Tarifsystem des Vorarlberger Verkehrsverbundes (VVV) durchschaut haben. Diese wenden nun gewisse Taktiken an, um weniger bezahlen zu müssen. Auch wenn dies nicht erlaubt ist, fragt sich der ehemalige Verkehrsplaner des Landes, wie Kontrolleure den Verstoß nachweisen sollen. Der Feldkircher hat in den 90er-Jahren den VVV mit aufgebaut, mit dem Ziel, einheitliche Tarife für den öffentlichen Verkehr im Land zu schaffen.

Hintergrund zum neuen Tarifsystem:

Am 1. Juni trat die Tarifreform des VVV in Kraft. Sie sollte den öffentlichen Verkehr in Vorarlberg einfacher machen. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass es teilweise komplizierter geworden ist. Außerdem gibt es nun starke Preiserhöhungen zwischen 3,50 und 11,40 Euro bei 24-Stundentickets. Laut einer VVV-Grafik betrifft das im Vergleich zum vergangenen Jahr mit dem Dominosystem rund sieben Prozent der Einzelfahrt- und Tagestickets. Es gibt auch einige nennenswerte Vergünstigungen, dennoch wurden die Preisveränderungen nach außen hin beschönigt dargestellt.

Tarifsystem umgehen

Die Reform wurde unter anderem wegen der Einfachheit und wegen gewisser “Symptome” umgesetzt. So durfte man im alten System bei bestimmten Fahrten aufgrund des Dominosystems trotz mehrerer möglicher Verbindungen nur dieselbe Strecke zurückfahren. Dies seien zwar Ausnahmefälle, aber Kundenprobleme ohne Lösung gewesen.

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Das frühere Dominosystem wurde am 1. Juni 2026 ersetzt. VVV

Doch auch jetzt gibt es “Tarifanomalien”, die von den Fahrgästen sogar aktiv ausgenutzt werden. Einerseits kaufen manche Fahrgäste für eine Einzelfahrt zwei Tickets statt eines und zahlen dadurch – obwohl dies nicht zulässig ist – weniger. Denn zwei Lokalzonentickets, aber auch ein Lokal- und ein Regioticket, sind günstiger als ein einzelnes Maximoticket.

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Ticketkombinationen und das Angeben falscher Abfahrtsorte sind grundsätzlich keine zulässigen Spartricks.  VN

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Speziell Fahrgäste, die Tages- und Monatstickets kaufen, greifen auf eine andere Taktik zurück: Anstatt ein Ticket vom Abfahrtsort zu kaufen, lösen manche ein Ticket von einem anderen Standort aus – etwa online über den ÖBB-Ticketverkauf. Denn wenn man zum Beispiel ein 24-Stundenticket von Hohenems nach Rankweil braucht, kostet es 18,40 Euro (Maximo). Wenn man jedoch ein 24-Stundenticket von Götzis kaufen würde, zahlt man nur 4,60 Euro (Lokal) und hat Hohenems und Rankweil inklusive. “Also ein Viertel des offiziellen Preises”, betont Schwerzler.

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Hohenems und Rankweil liegen in zwei verschiedenen Regio-Zonen. VVV
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In der Lokalzone von Götzis sind hingegen Hohenems und Rankweil enthalten. VVV

Mit dem 24-Stundenticket kann man innerhalb der ausgewählten Zone so oft hin- und herfahren, wie man möchte. “Wie soll ein Kontrolleur nachweisen, dass die Fahrt nicht in Hohenems begonnen wurde, wenn dabei ein kleiner Zeitpuffer für die fiktive Anfahrt von Götzis nach Hohenems beachtet wird?”, fragt der ehemalige Feldkircher Stadtrat.

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Keine Ausnahme

Solche Beispiele gibt es viele, etwa auch die kurze Strecke von Mellau nach Egg, Schwarzenberg oder Andelsbuch. Würde man die zwischenliegende Lokalzone lösen (Bezau), würde man – unerlaubterweise – um ein Vielfaches günstiger fahren. Für Regio-Tickets gilt dasselbe: Die dazwischenliegende Lokalzone St. Anton im Montafon etwa hätte Bludenz und Schruns inklusive. Auch von Egg nach Dornbirn bräuchte es offiziell ein Regio-Ticket. Das Lokal-Ticket Alberschwende enthält hingegen beide Orte. Die Liste ist lang.

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Bludenz und Schruns zählen zur selben Regio-Zone. VVV
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Die Lokalzone St. Anton im Montafon enthält Bludenz und Schruns. VVV

Fahrgäste, die das neue Tarifsystem so umgehen, machen das mit dem Tariffinder, indem sie einen Ort in Fahrtrichtung suchen, der den Abfahrtsort noch enthält. Laut VVV ist das ausdrücklich verboten. In den Tarifbestimmungen steht, dass eine Kombination von Zonen nicht möglich ist und ein Lokal- oder Regio-Ticket nur dann gültig ist, wenn für den Abfahrtsort die richtige Zone gewählt wurde. Schwerzler fragt sich jedoch: “Macht die neue Tarifwelt den Fahrgast, der sich an die Tarifbestimmungen hält, zum Dummen?”

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Franz Schwerzler würde zum alten Dominosystem zurückkehren. privat

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