Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das wird mir nie langweilig

VN / 10.08.2026 • 14:00 Uhr

Endlich werden in meinem Garten die Tomaten reif, endlich bekommen sie Farbe. Seit Wochen hingen sie fixfertig an den Stauden, unbeirrbar grün. Es liegt an der Hitzewelle, sagt mir das Internet, zu heiß, zu viel Sonne, jetzt beschatte ich die Pflanzen vor meinem Haus durchgehend mit Sonnenschirmen, und es scheint zu helfen. Zuerst wurden die kleinen, ganz süßen Cocktailtomaten rot, dann die hellroten Rosa, jetzt reifen diese sonnengelben, die bei mir “gelb, aromatisch, fast cremig, supergut!!!” heißen. Die Namen meiner Tomaten kommen daher, dass ich aus jedem guten Paradeiser, den ich irgendwo esse, ein paar Samen kratze und sie auf einem Stück Klopapier oder einem Taschentuchfetzen sammle, trocknen lasse und fürs nächste Jahr aufbewahre. “Kleine, knallrote Ochsenherz, Palermo, saftig-süß.” “Violett, fast schwarz, mittelgroß, aromatisch, vom Horwath”, so heißen meine Tomaten.

Heute habe ich die erste Caprese dieses Sommers aus eigenen Tomaten gegessen, wunderbar natürlich. Obwohl, ich sage nicht Caprese. Ich sage Tomaten-Mozzarella. Ich könnte auch sagen: mein Sommermenü. Oder einfach meine Mahlzeit.

In der Wiederholung liegt doch der Zauber der Verlässlichkeit, die Schönheit des Vertrauten.

Meine Mahlzeit esse ich im Sommer jeden Tag. Im Winter eher selten, weil die Tomaten da nicht so gut schmecken. Aber kaum wird es Frühling, fange ich an, im Supermarkt nach guten, bunten Paradeisern Ausschau zu halten, für die Mahlzeit.

Es ist etwas untertrieben, dass es die Mahlzeit einmal täglich gibt. Ziemlich oft esse ich die Mahlzeit zweimal, manchmal dreimal: zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Znacht. Die Mahlzeit wird mir nie langweilig: grob zerhackte Tomaten, zerdrückte Mozzarella-Stücke, Basilikum und viel Olivenöl, das dann am Schluss, wenn es sich mit dem Saft der Tomaten vermischt hat, mit getoastetem Brot aufgetunkt wird. Müsste ich mich für den Rest meines Lebens für ein Menü entscheiden, dann wäre die Mahlzeit auf jeden Fall in der engeren Wahl: neben vietnamesischer Pho-Suppe, Leberkässemmel und Sesam-Brokkoli-Hendl mit Reis.

Mir macht es nichts aus, immer wieder das Gleiche zu essen, zu sehen, zu hören. In der Wiederholung liegt doch der Zauber der Verlässlichkeit, die Schönheit des Vertrauten.

Apropos Schönheit: Ich kann diese Kolumne heute nicht beenden, ohne auszudrücken, wie traurig ich darüber bin, dass Monika Helfer gestorben ist. Sie war, das kann ich sagen von den wenigen Gelegenheiten, an denen ich sie persönlich traf, ein so lieber, liebevoller Mensch. Und sie war so eine fantastische Kolumnistin und Schriftstellerin, und ich habe mich dermaßen darüber gefreut, dass sie mit ihrem Schreiben in den letzten Jahren endlich den großen Erfolg hatte, den sie schon lange vorher verdient hatte.

Die Lücke, die sie hinterlässt … Sie fehlt schon jetzt so sehr.